Habitat C

Dirk van den Boom

Mit „Habitat C“ legt Dirk van den Boom den zweiten Roman nach „Eobal“ um den jungen Konsul Daxxel und seine Begleiterin/ Beschützerin Josefine Zant vor. Das offene, über den eigentlichen Plot hinausgehende Ende suggeriert, dass es sich um den Auftakt einer Miniserie handeln könnte, da Daxxel zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich unwissentlich mehr und mehr trotz einer richtigen Spur zu einem Werkzeug der Mächtigen werden könnte, die hinter den Kulissen ihre Rückkehr an die Macht planen und dabei schon erstaunlich weit gekommen sind. Dieses offene Ende verspricht ohne Frage Spannung für die nächsten Abenteuer, unterminiert aber auch die inhaltliche Geschlossenheit des vorliegenden Romans und lässt Dirk van den Boom die Chance, das schwächere Ende des vorliegenden Bandes noch zu relativieren.

Als Roman betrachtet wirkt „Habitat C“ teilweise uneinheitlich und im Vergleich insbesondere zum ersten Band der Serie „Eobal“ nicht kompakt genug. Zwischen den Zeilen kann der Leser das ehrliche Bemühen erkennen, die Serie um Daxxel auch auf ein kommerziell verwertbares Niveau zu heben und an die Verkaufszahlen seiner „Tentakelserie“ oder den „Kaiserkriegern“ anzuknüpfen. Damit soll nicht ausgedrückt werden, dass „Habitat C“ ein schlechter Roman ist, aber je weiter der Plot voranschreitet, desto mehr arbeitet Dirk van den Boom mit einer angezogenen Handbremse, um sich Türen für die Fortsetzungen offen zu halten, während er die grundlegende Handlung insbesondere angesichts der relativ langen, interessanten Exposition zu schnell abschließt.

Die Idee der Habitate ist faszinierend. Vor vielen Jahren sind die Erbauer dieser gigantischen fliegenden einhundertsiebenundzwanzig Habitate – eines schöner als das andere – verschwunden. Die Niib haben nicht nur die Habitate hinterlassen, sie umkreisen Planeten, auf denen sich tief in die Erde gebaut ihr Erbe befindet. Neben den Niib blieben die Bodaren zurück. Anscheinen auch körperlich degenerierte Mitglieder einer weiteren Rasse, welche die Niib zu ihren Lebzeiten gequält und später als Verwalter zurückgelassen haben. Mit viel Phantasie hat Dirk van den Boom hier ein sehr exotisches Erbe beschrieben, das bis zu den sadistischen Waffen mit erstaunlichen, interessanten und vor allem auch originellen Details gespickt ist. Auf Augenhöhe mit Daxxel und Zant erkundet der Leser schließlich diese fremdartige und natürlich sehr gefährliche Welt. Die ausführlichen niemals das hohe Tempo insbesondere der ersten Hälfte des Buches behindernden Beschreibungen gehören zu den stärksten Passagen des Romans. Selbst die Schlussfolgerungen am Ende des Buches sind teilweise akzeptabel. Denkt man allerdings die Prämisse Dirk van den Booms zu Ende, dann stellt sich die Frage, warum diese Habitate und die planetaren Anlagen ohne größere Beschädigungen „überlebt“ haben, wenn die These Daxxels so eingetreten sein könnte. Dann müsste noch eine zweite Rasse verschwunden sein. Auch diese These ist interessant und bietet in der Theorie viel Potential, wenn der Autor nicht gegen Ende des Buches ein wenig überambitioniert dunkle Wolken für die potentiellen Fortsetzungen herauf beschwören wollte.

 

Schwächer ist dagegen die Ausgangsprämisse. Bedenkt man, dass Daxxel sich spätestens mit seinem Einsatz in „Eobal“ einen guten Ruf erarbeitet hat, dann wirkt die Idee eines Ablenkungsmanövers schon absurd. Auch die Idee, den Diplomaten erst ins „Habitat C“ zu schicken, seine Ermittlungen aber von Beginn an einzuschränken und ihm dann quasi Handfesseln anzulegen ohne sein Misstrauen zu erwecken, ist eine Mischung aus verschiedenen Klischees, die in zahllosen Kriminalromanen so oft verwandt worden ist, dass es enttäuscht ist, sie hier wieder zu lesen. Daxxel soll den Fall eines höheren, aber nicht so hohen Beamten untersuchen, der verschiedene Unterschlagungen durchgeführt hat. Angeblich hat er Spielschulden. Daxxel findet schnell heraus, dass diese Geschichte nur der halben Wahrheit entspricht. Auffällig ist die Vorgehensweise des Diplomaten. Anstatt auch nur einen Moment wirklich zu ermitteln, bietet er dem Angeklagten von Beginn an Kompromisse an, um die Hintermänner zu finden. Als dann noch ein Mord geschieht, sieht sich einer der Führer der politischen Akte – Grant mittels Avatar – genötigt, um unwahrscheinlich früh in die Ermittlungen einzugreifen und Daxxel in einem auffällig engen Rahmen freie Hand zu geben. Warum er den Diplomaten überhaupt ausgesandt hat, bleibt unaufgeklärt. „Habitat C“ hätte vielleicht davon profitiert, wenn Dirk van den Boom eine überzeugendere Opposition etabliert hätte. Ein ambitionierter und ehrgeiziger örtlicher Beamter hätte bei seinen Ermittlungen die Pläne von Grant durchkreuzen können, was wiederum Daxxel in einer Zwitterposition zwischen neutraler Pflichterfüllung und Erfüllung von Grants Weisungen gebracht hat. So wirken sowohl der Mord als auch die Unterschlagungen wie ein nicht gänzlich zufrieden stellender MacGuffin für die kommende Handlung.

Mit Zants kurzzeitigen Verschwinden und dem aktiven Handeln der Boraden nimmt der Roman im Mittelteil wieder originellere Fahrt auf. Die Untersuchungen unter der Planetenoberfläche, das Entdecken von fremdartiger und die Gegenwart bedrohender Technik inklusiv der Gefahr, dass insbesondere machthungrige Menschen die Waffen nutzen können und werden, sind spannend mit einem Schuss bizarren Humor – alleine die Episoden mit der möglicherweise verlorenen Hand und die in Visionen erscheinenden Ponys sind unterhaltsam – beschrieben worden. Dieser überraschend gute Zwischenspurt entschädigt für die nicht immer zufrieden stellenden Entwicklungen zu Beginn des Buches, während wie schon angedeutet das eigentliche Ende des Plots zu abrupt kommt und vor allem die Fortsetzungen im Auge behaltend auf klischeehafte Art und Weise ausreichend Flanken offen lässt.

Was die Zeichnung der Figuren angeht, wirkt „Habitat C“ weniger originell, weniger impulsiv als der erste Band. Dirk van den Boom hat den jungen Diplomaten Daxxel in „Eobal“ ohne Frage ausführlich vorgestellt und versucht in der Tradition Keith Laumers ihm interessante und nachvollziehbare Züge zu geben. Es ist schade, dass der Autor diese Entwicklung nicht fortschreibt. Zu oft reagiert Daxxel ausschließlich auf Entwicklungen und wenn er am Ende eine interessante, provokante These entwickelt, dann kann er sie zu wenig mit Beweisen untermauern. Es ist der einzige Moment, in dem die Figur wirklich Eigenständigkeit erreicht. Enttäuschend ist seine Auseinandersetzung mit der „Börsenmafia“. Das Computersystem mit einem intelligenten Investieren ist ohne Frage interessant angelegt, aber die Gegenwart extrapolierend müssten die System Spuren hinterlassen. Schwach ist das Verhör der beschuldigten Beamten, in dem Daxxel unoriginell erstaunlich schnell an seine Grenzen stößt und mit Vorschlägen arbeitet, die zu wenig nachhaltig ausgearbeitet worden ist. Ähnlich blass erscheint Josefine Zant, im ersten Buch ein belebendes Element. Nach wenigen Szenen verschwindet sie aus der Handlung und taucht erst später wieder als Figur im Hintergrund auf. Die sexuellen Traumsequenzen eines verwirrten Daxxel sind zwar originell zu lesen, erinnern aber an Passagen, die der Autor teilweise schon in seinen „Rettungskreuzer Ikarus“ Romanen angewandt hat. Die Chemie zwischen Daxxel und Zant wirkt distanzierter und darunter leidet auch der ganze Roman.

Die Bodaren als einzige relevante fremde Spezis agieren zu „menschlich“, zu wenig nachhaltig fremdartig, als das sie als Platzhalter überzeugen können. Zwar gelingt es Dirk van den Boom, die einzelnen Charaktere sehr gut zu skizzieren, aber zusammenfassend hätte dem Roman auf der emotionalen persönlichen Ebene die gleiche Exotik gut getan, die er bei den gigantischen Schöpfungen angewandt hat. Grant als Hintermann verfügt nur über wenige Szenen, aber da seine Ausgangsplanung schon fragwürdig ist, kann er als Figur an nur wenigen Stellen wirklich überzeugen und ist als potentieller „Gegenspieler“ Daxxels ohne Frage ausbaufähig. Vor allem hätte der eigentliche Plan Grants – so weit man angesichts der wackeligen Prämisse davon sprechen kann - sehr viel besser in den vorliegenden Roman eingeflochten werden müssen, um über das Entsenden einer Handvoll schneller erledigter Söldner hinaus für Spannung zu sorgen. 

„Habitat C“ ist trotz einer Reihe bekannter Versatzstücke in einzelnen Szenen ein kurzweilig geschriebener Roman mit einem sehr gut entwickelten, aber zu wenig effektiv in die Handlung intrigierten Hintergrund. Es ist schade, dass der in „Eobal“ so natürlich erscheinende Schwung ein wenig mechanisch erscheint und das sich Dirk van den Boom nicht bemüht hat, den Plot noch komplexer zu gestalten und vielleicht eine weitere, den Ermittlungen konträr laufende Handlungsebene hätte hinzufügen können. Zwar entwickeln sich Daxxel und Zant nicht weiter, aber trotzdem besitzt das „Diplomatenduo“ Potential für weitere Abenteuer, in denen Hintergrund und Plot hoffentlich effektiver harmonieren.

Titelbild: Tony Andreas Rudolph
A5 Paperback, ca. 220 Seiten, ISBN 978-3-86402-163-3
Hinweis: Parallel erscheint eine Hardcover- und eine eBook-Ausgabe.