Neil Clarke fasst die potentiellen Kandidaten für die jährliche Leserwahl zusammen. Julie Novakova startet das neue Jahr mit dem ersten Teil ihres Venus Essays. „Exercise in Alternate Histories“ . Sie spekuliert über die Entwicklung von potentiellen Leben auf der Venus außerhalb der SF Literatur. Am Ende zeigt die Autorin in diesem lesenswerten Essay auf, das in der nächsten „Clarkesworld“ dann die Besiedelung der Venus aus Sicht der SF Autoren auf dem Programm steht.
Mit Seth Dickinson und vor allem Caitlin R. Kiernan spricht Arley Sorg dieses Mal mit zwei seit Jahren publizierenden Autoren. Während Seth Dickinson vor allem mit kürzeren Arbeiten in den wichtigsten Genre Magazinen präsent ist, berichtet Caitlin R. Kiernan von ihrem schnellen Erfolg und dem positiven Feedback der Kollegen, aber einer fehlenden Akzeptanz bei den Lesern. Erst in den letzten Jahren hat sich der kommerzielle Erfolg vor allem mit der Rückkehr zur Science Fiction eingestellt. Beide Interviews sind – wie bisher – sehr fundiert. Die Antworten ausführlich und Arley Sorg geht mit seinen Folgefragen auf die Antworten der beiden sehr unterschiedlichen Autoren auch ausführlich ein.
Der Januar präsentiert zwei längere Geschichten und sechs kürzere Texte. Aimee Odgen orientiert sich mit „Nothing of Value“ gleich an einem Klassiker des Genres: James Patrick Kelly hat vor vielen Jahren in der Story „Think Like a Dinosaur“ bewiesen, wie Geschichte zu Verflossenen funktionieren sollte. Der Protagonist teleportiert sich durch das Sonnensystem zu einer ehemaligen Geliebten, welche diese Art der Technik komplett ablehnt. Der Hintergrund der Geschichte inklusive der beiden Hauptprotagonisten ist für den Umfang erstaunlich gut und überzeugend entwickelt worden. Der Protagonist selbst fragt sich, ob nicht jeder Sprung das Original „tötet“ und eine Kopie erzeugt. Es gibt allerdings auch einige Schwächen. Aimee Odgen verzichtet auf die Benennung ihrer Figuren, was von Beginn an eine Distanz zwischen Leser und Autor/ Protagonist aufbaut. Das Ende ist zwar überraschend und auch pointiert, einige Wendungen kommen aber aus dem Nichts und sind nicht ausreichend entwickelt, da die Geschichte mit James Patricks Kellys kleinem Meisterwerk mithalten kann oder etwas Neues zu dieser inzwischen mehrfach diskutierten Idee hinzufügt.
Den längsten Titel präsentiert Alexandra Munck mit “Binomial Nomenclature and the Mother of Happiness”. In der Story findet ein Astrophysiker zwei neue kleine Monde, welche nicht nur die Erde umkreisen, sondern aus einem unbekannten Material bestehen, das nur ganz spezielle Detektoren erkennen können. Auch wenn es sich um eine geheime Entdeckung handelt, googelt ihr Vertrauter die Substanzen und ist der Meinung, dass es sich um einen Stoff handelt, der auf Emotionen basiert. Es gibt noch eine zweite Handlungsebene mit einem mutierten Elefanten, dessen Intelligenz erhöht worden ist. Er kann mit seinem ungeborenen Kind Kontakt zu den Menschen aufnehmen.
Die Ideen wirken bizarr. Es gibt eine Reihe von Genreautoren, die seit vielen Jahren mit derartigen Ideen sehr gute Geschichten geschrieben haben. Aber Alexandra Munck nimmt sich zu viel vor und die einzelnen Handlungsstränge passen nicht wirklich zueinander. Im Gegensatz Aimee Odgens Story haben die Protagonisten hier Namen, der exzentrische Erzähler will sie aber nicht nutzen und befremdet die verwirrten Leser in einem auch hinsichtlich ihres Endes nicht zufriedenstellenden Sammelsurium von Ideen noch mehr als unbedingt notwendig.
E.N. Auslender präsentiert in “Just Another Cat in a Box” nicht einen Hauptprotagonisten, sondern viele Kopien des gleichen Mannes. Durch die Nutzung eines ambivalent beschriebenen Geräts - hier spiegelt sich die Angst der Jugendliebe aus der Eröffnungsstory sehr gut wieder - wird er unzählige Male kopiert. Im Laufe der Selbstfindungsphase mit sich selbst muss er erkennen, dass eine Katastrophe geschehen ist und die Kopien wie er selbst eine besondere Aufgabe übernehmen. E.N. Auslander stellt die inzwischen schizophrene Innenwelt des bzw. der Charaktere gut der Außenwelt gegenüber. Auch E.N. Auslander kann sich nicht entschließen, seinen Protagonisten mit Namen zu benennen, so dass das Risiko besteht, es mit einer weiteren Kopie zu tun zu haben. Diese Möglichkeit lenkt von der geradlinig erzählten Geschichte stark ab.
C.M. Fields Protagonist wird in “You Dream of the Hive” tatsächlich vor einem sogenannten Hive gerettet, welche - um das Leben zu retten - große Teile ihres Körpers durch synthetische Ersatzorgane ersetzt, während sie vorher Teil eines Gesamtbewusstseins gewesen ist. Die Ärzte an Bord des Raumschiffs versuchen, sie wieder zu einem Individuum zu machen, während sie natürlich gerne wieder in den Hive zurückkehren möchte. Natürlich ist das Thema spätestens seit den Borg aus “Star Trek: The Next Generation” immer wieder angerissen worden. Dabei sind die Gemeinschaftsbewusstseine keine Erfinder der Star Trek Drehbuchautoren, sondern im Genre sehr viel länger verankert. Die verweigerte Rückkehr - aus medizinischer Sicht vielleicht verständlich, humanistisch in der beschriebenen Form abzulehnen - ist eine originelle Wendung, weil C.M. Fields auch keine Urteile fällt. Allerdings bleiben die Hintergrundbeschreibungen sowohl des Hive Lebens wie auch an Bord des Raumschiffs extrem vage. C.M. Fields hat auf die Ich- Erzähler Perspektive verzichtet. Der Leser hat dadurch einen besonderen Überblick, das Geschehen läuft bis zum eher vagen Ende allerdings auch deutlich distanzierter ab als es vielleicht empfehlenswert gewesen wäre.
Cecile Cirstofairs “Down the Waterfall” ist eine Zeitreisegeschichte um einen Physiker, der sich selbst mit Mikroorganismen in der Vergangenheit infiziert, welche auf der einen Seite die Zellen seines Körpers zerstören, auf der anderen Seite in einer vorprogrammierten Art und Weise den Körper aufbauen, damit sie in der Zukunft dem Tod entkommen kann. Die Autorin geht weniger auf die wissenschaftlichen Fragen oder die Idee einer Zeitschleife ein, sondern präsentiert eine fast romantische Idee des Wissenschaftlers, der sich selbst gegen alle Wahrscheinlichkeiten zu heilen sucht, um mit diesem Schritt das eigene Leben mit seinen Chancen und Risiken vom Moment der Infizierung neu/ anders und vielleicht besser ein zweites Mal gestalten zu können. Das Jahr 2024 scheint bei “Clarkesworld” unter der Maßgabe zu stehen, dass Namen überflüssig sind. Anders ist es nicht zu erklären, dass diese gut zu lesende, aber auch fast alle Logikfragen ignorierende Kurzgeschichte ebenfalls auf Namen verzichtet und auf Synonyme zurückgreift.
Die längste Geschichte stammt wieder aus dem Chinesen: “Stars don´t Dream” von Chi Hui, der in den letzten “Clarkesworld” Ausgaben allerdings sehr oft und als einziger Chinese vertreten gewesen ist. John Chu hat schon mehr als einen Text für ihn übersetzt.
Verschiedene Charaktere arbeiten in dieser Science Fiction Geschichte am gleichen Ziel. Da die meisten Menschen den größten Teil ihrer Tagesfreizeit in der virtuellen Realität verbringen und ihre Wohnhäuser nur in robotisierten Avataren verlassen, ist es das Ziel dieser Gruppe von Wissenschaftlern, Raumsonden mit pflanzlichem Leben an Bord zur venus schicken, damit dort ein Terraformingprozess einsetzt, der den Planeten in tausenden von Jahren bewohnbar macht.
Am Ende der Story präsentiert der Autor eine Art Arthur C. Clarke Moment. Bis dahin beschreibt er sehr ausführlich und detailliert die Mitarbeit der Männer an einem Projekt, dessen Erfolg oder Mißerfolg sie niemals sehen werden. Der Enthusiasmus ist schon befreiend und ohne auf Klischees zurückzugreifen, ist ihre Vorgehensweise nachvollziehbar; die Kommunikation erfrischend optimistisch in einer Welt, in welcher die meisten Menschen keinen Kontakt mehr zur Umwelt haben oder gar wünschen.
Marie Vibberts “Rail Meat” handelt von den Menschen, die an Bord von Hochseesegelschiffen den menschlichen Ballast darstellen. Im Rennen müssen sie immer von Steuerbord nach Backbord und zurück eilen, damit die Rennsegelschiffe möglichst effektiv und schnell sind. Marie Vibbert hat diesem Aspekt eine weitere Komponente hinzugefügt. Die “Schiffe” fliegen nicht mehr über das Wasser, sie fliegen durch die Luft. Die beiden Hauptcharaktere sind Trickbetrüger, die sich zufällig auf der gleichen Party von sehr reichen Menschen treffen, um ihre jeweiligen Coups durchzuführen. Die Frau ist eine einfache Diebin, der Mann ist ein Heiratsschwindler, der mit seinem guten Aussehen und Charme eine der reichen Besitzerinnen der Boote becircen, heiraten und ausnehmen will. Natürlich verlieben sich die beiden Außenseiter ineinander und gehen als das im Titel angesprochene Rail Meat an Bord eines der Schiffe. Marie Vibbert hat mit sehr guten Charakteren, einer stringenten Handlung, pointierten Dialogen und schließlich einem zufriedenstellenden Ende nach einigen gefahrvollen Momenten eine ideale Science Fiction Caper Geschichte geschrieben, welche auf den älteren Filmen der fünfziger und sechziger Jahren wie “Über den Dächern von Nizza”, aber auch “Topkapi” aufsetzt, in denen die “Schurken” sympathischer als die Polizei gewesen sind. Eine schöne, spannende Geschichte mit Charakteren, die stolz ihre Namen tragen und aus der Masse der teilweise stark konstruierten Storys dieser Ausgabe sehr positiv herausragt.
Der Titel der letzten Geschichte “You Cannot Grow in Salted Earth” von Priya Chand erscheint wie ein altes Sprichwort. Dabei spielt sich die Haupthandlung in der Erinnerung des Protagonisten ab, der durch ein Wurmloch einen entfernten, aber erdähnlichen Planeten entdeckt hat. Vor seiner Rückkehr zur Erde wurde die Passage durch das Wurmloch sabotiert und er musste auf dem Planeten bleiben. Einen eigentlichen Plot gibt es nicht, die Geschichte besteht aus den angesprochenen Erinnerungen und einigen wenigen Ausblicken. Es gibt keine Handlung und keine weiteren Hintergründe. Als Stillleben ist die sehr kurze Geschichte nett, aber der Plot hätte besser und vor allem auch spannender ausgebaut werden können.
Bis auf das sehr schöne Titelbild ist die Januar 2024 Ausgabe von “Clarkesworld” teilweise ein sehr bemühte Ausgabe. Es gibt nur wenige Höhepunkt mit Chi Huis und Marie Vibberts längeren Texten, während vor allem die Kurzgeschichten extrem konstruiert und manchmal sehr umständlich erzählt wirken.