2014 veröffentlichte der Golkonda Verlag die zweite, durchgesehene in den USA bei Hippocampus Press publizierte Ausgabe von H.P. Lovecraft auch heute noch einflussreichen und vor allem aus der subjektiven Perspektive eines im gleichen Genre arbeitenden Autoren verfasste Studie über die phantastische Literatur oder wie H.P. Lovecraft selbst geschrieben hat, das „übernatürliche Grauen in der Literatur“ unter Berücksichtigung des Realismus.
In Deutschland handelt es sich um die zweite Publikation. Als „Literatur der Angst“ erschien das ursprünglich zum ersten Mal verfasste Essay im Suhrkamp Verlag. In den USA erschien eine erste Version 1927 im semiprofessionellen Fanzine „The Recluse“ von W.Paul Cook. Für eine erneute Veröffentlichung in den Jahren 1933 bis 1935 (im Fanzine „The Fantasy Fan“) überarbeitete H.P. Lovecraft das Essay, wobei er laut S.T. Joshi den Text nicht gänzlich neu tippte, sondern viele Anmerkungen auf das ursprüngliche Manuskript schrieb und Ergänzungen teilweise zu neuen Autoren in Form von eingeschobenen Seiten präsentierte. August Derleth publizierte eine weitere Version – die Quellen sind selbst dem Lovecraft Experten S.T. Joshi nicht gänzlich bekannt – in dem Omnibus 2- Dagon and Other Macabre Tales (1965). 35 Jahre später publizierte S.T. Joshi unter dem Titel „The Annotated Supernatural Horror in Literature“ die erste Version.
Der Golkonda Verlag hat das Essay von Alexander Pechstein übersetzen lassen. Robert N. Bloch hat eine kurze Einführung vor allem zum umfangreichen Anhang geschrieben. Beginnend mit Lovecrafts liebsten Horrorgeschichten haben S.T. Joshi für die angloamerikanischen Veröffentlichungen und Robert N. Bloch für die diesen Publikationen eine umfangreiche, teilweise kommentierte Publikationsreihenfolge zusammengestellt, aus welcher der interessierte Leser die wahrscheinlich „beste“ Veröffentlichung sowohl für den deutsch- als auch den englischsprachigen Raum zur vertiefenden Lektüre auswählen kann.
S.T. Joshi sortiert und publiziert seit Jahrzehnten den verbliebenen, sehr umfangreichen Schriftwechsel Lovecrafts. Mehr als zwei Dutzend Bände sind inzwischen erschienen. Die Arbeit mit Lovecrafts Korrespondenz ermöglicht es Joshi, über den Tellerrand des eigentlichen Essays hinauszublicken und die Entstehung des Artikels zu eruieren. Hinzu kommt, dass Lovecraft selbst vor allem hinsichtlich der Schauerliteratur des 17. Und 18. Jahrhunderts auf Sekundärquellen zurückgegriffen und in seinen Briefwechseln zugegeben hat, nicht alle Werke komplett gelesen zu haben. Die von ihm gelobten stimmungsvollen Passagen stammen aus anderen sekundär literarischen Werken. Zusätzlich kann der Leser nachvollziehen, dass Lovecraft zwischen der Erstveröffentlich 1927 – der Amerikaner hat die Arbeiten wahrscheinlich 1925 angefangen und Ende 1926 beendet – und der Zweitveröffentlichung seine Literaturkenntnisse erweitert und ganze Autoren mit ihren Werken hinzugefügt hat. Auf der anderen Seite lässt sich Lovecrafts Enthusiasmus erkennen, wenn er mehrere Tage in einer Bibliothek New Yorks verbracht hat, um E.T.A. Hoffmanns Gesamtwerk lesen zu können. Die Einleitung ist ausführlich und erstaunlich fair. Joshi spart nicht mit notwendiger Kritik an diesem trotzdem elementaren Grundlagenwerk, aber er stellt seine Anmerkungen in den richtigen Kontext. Viele Lovecrafts Werk zugeschriebene Attribute wie das Kosmopolitische überträgt der Amerikaner auf die Autoren, über welche er schreibt. Manchmal passend, manchmal ein wenig konstruiert.
Ausgangsbasis seiner These ist die Angst der Menschen vor dem Unbekannten in jeglicher Form. Einschränkungen gibt es nicht und jeder Mensch kann diese Angst subjektiv anders empfinden. Die anthropologische Konstante einer ewig den Menschen begleitenden Literatur des Schauerns, wenn nicht des Grauens in unterschiedlichen Manifestationen versucht Lovecraft an einer literarischen Exkursion durch die Zeiten beginnend in der Antike über die nordischen Mythen und Verse bis zum Beginn des Schauerromans darzustellen. Bei den frühen Werken begleiteten Lovecraft die Arbeiten Edith Birkheads und Montague Summers. Wenn Lovecraft mit einzelnen Autoren entweder nur bedingt oder gar nicht vertraut ist, beschränkt er sich auf eher allgemeine Kommentare. Daher wirkt die Einordnung einzelner Autoren wie zum Beispiel des Franzosen Le Fanu nicht nur subjektiv, sondern vor allem an der Grenze der Ignoranz erscheinen.
Basis für seine Thesen ist der Dreiklang von Romantik, Realismus und Phantastik. Es ist vielleicht deswegen bezeichnend, dass Lovecrafts Essay mit Edgar Allen Poe auflebt. S.T. Joshi hat sehr viele Bezüge, aber keine Plagiate zwischen Poes Werk und Lovecrafts Arbeiten in Fußnoten zusammengestellt.
Aber die Auseinandersetzung mit der phantastischen Literatur des Grauens – hier beschränkt sich Lovecraft wirklich auf Grusel bzw. Horror Romane und ignoriert die nicht selten eng miteinander verbundene utopische Literatur bis auf ein oder zwei Ausnahmen gänzlich – beginnt mit Horace Walpoles „Das Schloss von Otranto“ aus dem Jahr 1764. In den anschließenden Kapiteln differenziert Lovecraft noch zwischen der englischen, der französischen und der deutschen Phantastik. Eine gegenseitige Beeinflussung durch Übersetzungen und literarischen Einfluss schließt der Amerikaner nicht aus, aber es geht Lovecraft im Grunde um die ureigene Kraft der phantastischen Literatur dieser Länder, die auf ihrer eigenen, jeweils unterschiedlichen Geschichte basieren. Schlösser gibt es in allen drei Ländern und sehr viele Geschichten, die in ihnen spielen. Aber die Ahnenreihe der jeweils vom Schicksal geplagten Besitzer ist für Lovecraft wichtiger als ein europäischer Überblick über die Geschichte des Schauerromans. Der Amerikaner spart nicht mit Kritik und viele der Romane findet er bis auf einzelne, dann wieder atmosphärisch dichte und stimmungsvolle Szenen überwiegend langatmig bis langweilig geschrieben. Unwillkürlich muss der Leser an den Herausgeber S.T. Joshi denken, der ausführlich aus Lovecrafts Briefen zitiert, in denen dieser zugibt, eher Zitate als ganze Bücher benutzt zu haben. Bescheidenheit sieht anders aus.
Der Amerikaner Edgar Allan Poe ist der Wendepunkt und rückblickend auch die wichtigste Inspiration neben Arthur Machen und Blackwood für Lovecrafts eigene Geschichten. Im Gegensatz zu den sich mit Aberglaubens und Scharlatanen, aber weniger unerklärlichen übernatürlichen Phänomenen auf einer psychologischen Basis auseinandersetzenden Schauerromanen, ist laut Lovecraft Edgar Allan Poe der erste Autor, der literarisch in die Menschen gekrochen und ihre dunkle Seiten zum Vorschein gebracht hat. Poe hat die verstörend psychologische Basis weniger des Horrors per se, sondern des Grauens und damit verbunden vieler Urängste vor allem in den hinsichtlich ihres Gemüts schwächeren (Leser- ) Geistern erkannt und in seinen Kurzgeschichten weidlich ausgenutzt. Lovecraft führt als Beweise ein ganzes Feuerwerk von Poes Kurzgeschichten und deren Einfluss auf die zukünftigen Generationen von Autoren auf. Dabei löst Lovecraft Poes Werk aus der Zeit der Entstehung, denn wie Lovecraft ist Poe ein Autor, der zu seinen Lebzeiten nicht den literarischen Ruhm geerntet hat, der ihm zugestanden hätte. Poe ist für Lovecraft ein Autor, der weniger in Charakterstudien schwelgt, sondern mit starken erzählerischen Effekten arbeitet und die klassisch starre Konzeption des hölzernen Helds sowie des teuflischen Schurken durchbrochen hat.
Mit „Die Tradition der unheimlichen Literatur in Amerika“ versucht H.P. Lovecraft die Quadratur des Kreises. Nachdem er im vorangegangenen Kapitel Edgar Allan Poe als neuen Fixpunkt des Genres etabliert hat, springt er chronologisch in der Zeit ein wenig hin und her. Nathaniel Hawthorne ist der Vertreter des dunklen Erbes, der im Gegensatz zu Poe auf den Mythen und Sagen, die Folklore der ersten amerikanischen Siedler aus der Heimat mitgenommen, aufgebaut hat. Mit ausführlichen wie realistischen Naturbeschreibungen, aber übernatürlichen Phänomenen eher den europäischen Geistergeschichten entsprungen und stilistisch einer der besten amerikanischen Autoren dieser Epoche ist Hawthorne für Lovecraft das verbindende Element zwischen der Phantastik und der Literatur. Dagegen sieht er in Ambrose Bierce als Vertreter der Horrorliteratur. Er beschäftigt sich in vielen seiner Kurzgeschichten mit dem abgrundtief bösen, das in vielen Inkarnationen, für den Leser aber meistens früh erkennbar, auftritt. Dabei legt Bierce auf eine beklemmende Atmosphäre wert, während bei Hawthorne das Dunkle subtiler eindringt. Den dritten, hier jetzt ausführlicher vorgestellten Autoren hatte H.P. Lovecraft in der ersten Fassung des Essays vergessen. Robert Chambers. Bei Chambers hat Lovecraft das Problem, dass die Beschäftigung mit der kommerziellen und damit auch monetär erfolgreichen Massenliteratur Chambers Gespür für das Unheimliche aus seinem Frühwerk verloren hat. Daher geht Lovecraft trotz einer gewissen Bewunderung für einzelne Geschichten deutlich kritischer mit Chambers um. Dazwischen finden sich mit Henry James oder Irvin S. Cobb Autoren, die ihre Stärken in anderen Genres hatten, aber trotzdem eine Reihe von unvergessenen Geschichten des Grauens vorgelegt haben. Lovecraft beendet diesen Abschnitt mit C.A. Smith. Jahrelang hat Lovecraft mit Smith korrespondiert. Diese Briefe hat S.T. Joshi in zwei sehr empfehlenswerten Sammelbänden publiziert. Smith und Lovecraft verbindet in ihrem Werk einiges, auch wenn sie aus unterschiedlichen sozialen Lagern gekommen sind. Beide Autoren haben sich mit dämonischer Fremdartigkeit auseinandergesetzt. Bei Smith kamen die Schrecken nicht selten aus der (legendären) Vergangenheit der Erde, während Lovecrafts Große Alte ja von jenseits der Erdatmosphäre ihren Weg in die dunklen Herzen ihrer Leser gefunden haben.
„Die Tradition der unheimlichen Literatur in Großbritannien“ kann auf einen Fundus von zahlreichen Autoren zurückgreifen. H. P. Lovecraft beginnt zwar mit Kipling, streift aber anschließend die unheimlichen Geschichten eines M. P. Shiels, dessen utopischer Werk wie beim drauf folgenden H.G. Wells nicht ignorierend und verharrt einige Zeit bei Bram Stoker und dessen „Dracula“. Lovecraft sieht das kommerzielle Potential dieser Geschichte, ist sich aber nicht zu schade, die literarischen Schwächen nicht nur dieses Stoker Buches deutlich herauszuarbeiten. In den zahlreichen von S.T. Joshi verlegten Briefen hat Lovecraft Dritten gegenüber deutlich gemacht, dass der Inhalt zwar wichtig ist, die stilistische Form wie die erzähltechnische Struktur niemals vernachlässigt werden darf. Eine Herkulesaufgabe, an welcher Lovecraft selbst zu scheitern drohte, denn den Briefen entnehmend ist zu Lebzeiten immer sein Ziel gewesen, die eigenen Ansprüche zu befriedigen, auch wenn er dadurch vielleicht nur einen einzigen Leser hat: sich selbst.
Neben Shiel und H. G. Wells geht Lovecraft auf Arthur Conan Doyle ein, die Sherlock Holmes Geschichten wie Poes Kriminalstorys ignorierend. Ein Phänomen ist William Hope Hodgson, den Lovecraft als Autor erst 1937 kennenlernte. Die hier vorliegende Fassung muss zwischen der Veröffentlichung in „The Fantasy Fan“ und August Derleths Nachdruck noch einmal erweitert worden sein, denn Lovecraft geht ausgesprochen detailliert auf einzelne Facetten in Hodgsons Werk ein. Das Hodgsons Geschichten vielleicht auch einen Einfluss auf die ersten Romane Olaf Stapledons mit ihrem langen Blick in Form einer Seelenwanderung nicht nur in die Zukunft, sondern einem bizarren Kosmos gehabt haben könnten, wird mit keinem Wort erwähnt.
H.P. Lovecraft unterscheidet zwar zwischen den britischen Phantasten und den Iren, deren Werk vor allem auf der eigenen Sagen- und Mythenwelt basiert, aber erst im letzten Kapitel „Die modernen Meister“ wird sich der Amerikaner intensiver mit dieser Differenzierung auseinandersetzen. Lovecraft hat die von ihm beschriebenen Autoren teilweise mittels Briefen gekannt. Lovecraft hat in der Zeit gelebt, in welcher Schriftsteller wie Arthur Machen, Blackwood oder Lord Dunsany quasi live und in Farbe schrieben. Ihre Bücher kamen frisch aus der Druckerpresse und haben den Amerikaner sehr geprägt. Damit soll an keiner Stelle ausgedrückt werden, dass es sich um Bestsellerautoren handelt. Vielmehr haben sie für ihr Publikum geschrieben, den literarischen Ruhm konnten sie wie Lovecraft erst nach ihrem Tod ernten. Es ist faszinierend, wie Lovecraft mit den Autoren wächst. Blackwood mochte er anfänglich gar nicht, erst spät wurde der Amerikaner wie bei Arthur Machen zu einem regelrechten Fan. Machen sieht er als Meister an. Ein besonderes Augenmerk lenkt Lovecraft noch auf den heute fast wieder vergessenen Montague Rhodes James, dessen Gespenstergeschichte Lovecraft ausführlich vorstellt. Dazwischen finden sich noch Hinweise wie bei den britischen Autoren auf einzelne Arbeiten, die mit dem Genre im Gegensatz zu ihren Autoren eng verbunden sind. Bei den britischen Autoren sei hier noch mal auf John Buchan und seinen historischen Roman „Witch Wood“ verwiesen.
Die Fußnoten von S.T. Joshi zeigen auf, von welchen der hier vorgestellten Arbeiten und Autoren Lovecraft für eigene Geschichten inspiriert worden ist. Es gibt auch Gegenbeispiele, bei denen es zwar textliche Ähnlichkeiten gibt, Lovecraft aber die ursprünglichen Werke erst später gelesen und in seinen Briefen kommentiert hat. Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, dass der heute mehr als damals populäre und immer wieder auch verfilmte Lovecraft derartig respektvoll und die Schriftsteller huldigend über Menschen schreibt, deren Werk und Persönlichkeit in den vergangenen fast einhundert Jahren mehr in Vergessenheit geraten ist. Lovecraft hat sich seinen Briefen zu Folge immer eher als ein begabter Handwerker gesehen, der an seinen Geschichten feilte, aber manchmal auch nicht die Energie hatte, die Texte noch einmal abzutippen. Das Gegenbeispiel sind seine ausführlichen Lektoratsarbeiten – gegen Bezahlung, aber auch für Brieffreunde -, in denen er kritisch, aber respektvoll auf die aus seiner Sicht Schwächen der ihm vorgelegten Texte einging und einzelne Arbeiten sogar gänzlich umgeschrieben hat. Diesen Respekt bringt er den teilweise sehr ausführlich vorgestellten Literaten des Grauens in diesem lesenswerten, zeitlosen Essay ebenfalls entgegen.
Die Neuauflage inklusiv des ausführlichen Anhangs einer der ersten kritischen Auseinandersetzungen mit der Weird Fiction bzw. übernatürlichen phantastischen Literatur aus der Feder eines der heute größten Autoren dieses Subgenres ist die Lektüre mehr als Wert. Es ist keine Arbeit, die detailliert in die Tiefe geht, sondern manchmal der schwärmerische, dann wieder kritische Blick auf die Lovecraft bekannten und manchmal nur indirekt vertrauten Romane und Kurzgeschichten.
- Herausgeber : Golkonda Verlag; Neuübersetzung Edition (20. Februar 2014)
- Sprache : Deutsch
- Gebundene Ausgabe : 241 Seiten
- ISBN-10 : 3944720210
- ISBN-13 : 978-3944720210
- Originaltitel : Supernatural Horror in Literature