Neben seinen Sachbüchern zu Unterhaltungsthemen hat Jörg Weigand mit „Abenteuer Unterhaltung“, „Paris. Erinnerungen an Monate, die mein Leben veränderten“ und dem hier vorliegenden dritten Band „Literarische und andere Begegnungen“ sehr viel aus seinem persönlichen Leben preisgegeben. Dabei sind die Übergänge fließend, denn die in Paris verbrachten Monate haben nicht nur Einfluss auf Jörg Weigands weiteres Leben gehabt, vielmehr wurde er laut seinen Memoiren in Paris auch vom Elternhaus und seinen Lehrern teilweise vorgeformt, vielleicht auch manipuliert.
„Abenteuer Unterhaltung“ als zuerst geschriebene Arbeit schaut auf seine immerhin sechzig Jahre umfassenden Erinnerungen als Leser, als Student, als Autor, Kritiker und schließlich auch als für das ZDF arbeitender Redakteur zusammen. In diesem umfangreichen wie lesenswerten Band gibt es mehrere Abschnitte über “Erfahrungen” mit "Verlegern und Lektoren“, aber auch „Begegnungen und Erlebnisse mit Autorinnen und Autoren“.
Diese beiden Kapitel hat Jörg Weigand teilweise leicht überarbeitet für den vorliegenden dritten Band seiner Erinnerungen übernommen. Ganz bewusst unterscheidet der Autor schon im Titel zwischen den literarischen Begegnungen (mit dem Buch per se, aber auch den Autoren) sowie den anderen Begegnungen mit nicht nur Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, sondern Menschen, die Jörg Weigand auf seinem Lebensweg begleitet, positiv beeinflusst und nicht selten einfach nur beeindruckt haben.
Karl- Ulrich Burgdorf in seinem Vorwort macht wie Jörg Weigand deutlich, wie sehr Begegnungen im Laufe eines Lebens den aufmerksamen Menschen prägen. Aus einigen Begegnungen werden Freundschaften fürs Leben, andere Menschen trifft man nur ein einziges Mal und der lange Schatten dieses Moments wird im Positiven wie manchmal leider auch im Negativen nachhallen.
Die drei Bücher bilden eine Art Mosaik. Jörg Weigand hat in „Abenteuer Literatur“ über sein Elternhaus, seine nicht ganz einfache Kindheit berichtet. Ergänzt wird diese sehr offene Darstellung der eigenen Jugend durch das Portrait Cäcilie Liedermanns im vorliegenden Begegnung - Erinnerungsbuch ergänzt mit der Oma. Wie viele Frauen wuchs sie in den Nachkriegsjahren ohne Mann über sich hinaus und organisierte manche unmögliche Dinge mit einer gelungenen Mischung aus Frechheit und Improvisation. Jörg Weigand geht in „Literarische und andere Begegnungen“ auch auf seine Schulzeit und sein Studium ein. Zusätzlich macht der Autor deutlich, dass sein ganzes Leben im Grunde aus einer Art Selbststudium der eigenen Fähigkeiten besteht, wie der spätere Musikunterricht eines Jungen mit dem perfekten Gehör beweist. Auch wenn einzelne Lehrer im Nachkriegsdeutschland eine Art Doppelleben geführt haben, unterstreicht der Autor, dass er sehr wohl zwischen dem erlebten Unterricht und der Vergangenheit unterscheiden kann. Kritisch gesprochen bricht Jörg Weigand keinen Stab über den untergetauchten und mit neuer Identität lebenden Nazis, aber das ist auch nicht Sinn dieser autobiographischen Arbeit. Viel mehr macht der Autor deutlich, dass die Stärken seiner damaligen Lehrer ihn geprägt haben und heute könnten sich Schüler glücklich schätzen, wenn sie auf Lehrer träfen, denen die Balance zwischen der Vermittlung des Unterrichtsstoff und dem positiv gesprochen Formen der Persönlichkeiten ihrer Schüler so gut gelänge. Damals wie heute sind solche Persönlichkeiten rar gesät.
Auf die Monate als Austauschstudent in Paris ist Jörg Weigand in einer gesonderten Publikation eingegangen. Es finden sich keine weiteren Begegnungen aus der Pariser Zeit in dieser Sammlung und doch ist der Einfluss der Monate in der französischen Hauptstadt überall spürbar. Die weltoffene Stadt hat Jörg Weigand anscheinend ein Leben lang neugierig gemacht. Seine Arbeit für das ZDF hat ihm die Möglichkeit gegeben, die Welt zu erkunden.
Auch wenn Herausgeber Dieter von Reeken und Jörg Weigand im Inhaltsverzeichnis die einzelnen Begegnungen in die Untergruppen „Kultur“ , „Literatur“, „Akademisches“, „Politik“ , „Briefliches“, „Dunkelmänner“ und „Privates“ aufgeteilt haben, sind die Übergänge fließend und im Text die einzelnen Begegnungen nicht mittels gesondertes Kapitel voneinander getrennt. Die letzten beiden Abschnitt sind thematisch in sich abgeschlossen, was bei zwei wichtigen Frauen in seinem Leben und vier Geheimdienstorganisationen noch nachvollziehbar ist. Auch „Briefliches", unter anderem mit Ernst Jünger, lässt sich abtrennen. Entweder ging die Initiative wie beim Kaiser von Japan von einem selbstbewussten Jörg Weigand aus oder andere Autoren wie Ernst Jünger reagierten auf Artikel Weigands.
Auch die Einteilung der Untergruppen ist eher ein grober Leitfaden. So finden sich einzelne Persönlichkeiten/ Freunde wie Thomas le Blanc eher aufgrund seiner Arbeit für die “Phantastische Bibliothek” in Wetzlar unter Kultur und nicht Literatur. Auch der Sammler Wolfgang Thadewald - ob er sein Leben neben dem Finanzamt der Literatur gewidmet hat - wird für seinen kulturellen Beitrag hinsichtlich Science Fiction allgemein und Jules Verne im Besonderen unter Kultur eingeordnet. Der dritte auffällige, im Genre bekannte Name ist Rainer Eisfeld, der sich wie Jörg Weigand ausführlich, intensiv und kritisch mit dem SF Genre beschäftigt hat. Seine Forschungen zu Wernher von Braun, aber auch anderen populär literarischen Themen vollkommen unbenommen.
Diese Beispiele zeigen exemplarisch, dass Jörg Weigand Zeit seines bisherigen Lebens nicht zwischen der ersten und der reinen Unterhaltungsliteratur unterschieden hat. Beide Aspekte haben ihre Bedeutung. Die Übergänge sind manchmal fließend und wenn ein Auflagenstarker Western Autor bedauert, in der Öffentlichkeit nicht mit einem Simmel oder einem Konsalik gleichgestellt zu werden, obwohl wahrscheinlich mehr Menschen seine Wild West Romanhefte und Taschenbücher gelesen haben als Werke von den beiden anderen Autoren zusammen, das bildet Jörg Weigand das schiefe Bild der öffentlichen Meinung pflichtschuldig ab, präsentiert aber gleichzeitig seine eigene Ansicht.
Wenn Jörg Weigand bei von “Von U zu E” über Gustav Lübbe schreibt, ist es nur ein Ausschnitt der Themen/ Ansätze aus “Abenteuer Literatur”, in dem Jörg Weigand auf seine persönlichen Erlebnisse mit verschiedenen Verlage eingegangen ist. Vieles wirkt in “Begegnungen” konzentrierter, fokussierter, vielleicht auch ein wenig einseitiger. Für einen Leser stellen die Begegnungen nur eine Facette des umfangreichen literarischen Lebens Jörg Weigands dar. Daher ist es sinnvoll, je nach Beginn der Lektüre, das “Abenteuer Literatur” als in die Tiefe gehende Studie zu sehen, zu welcher sowohl die Paris Erinnerungen wie auch die Begegnungen chronologisch allerdings in umgekehrter Publikation Reihenfolge zuarbeiten.
Aus der Science Fiction werden dem Leser Namen wie Walter Ernsting , Willi Voltz vertraut sein. Jesco von Puttkamer wird als Science Fiction Autor genauso wie für seine Arbeit bei der NASA gewürdigt. Dieter Hasselblatt steht für das Hörspiel, wird aber auch als Kritiker hervorgehoben.
Carl Amery, Werner Zillig, Thomas R.P. Mielke und Monika Niehaus oder Rainer Schorm vertreten die deutsche Science Fiction der achtziger/ neunziger Jahre wie mit Monika Niehaus sowie dem Künstler/ Autoren Schorm des 21. Jahrhunderts. Die Begegnung mit Hans Joachim Alpers und die entsprechende Bunkernacht zeigt, dass politische Differenzen den Blick fürs Wesentliche, fürs Gerne nicht verstellen sollten. Alleine Wolfgang Jeschke kommt schlecht, vielleicht ein wenig unfair weg. Auf der einen Seite kritisiert Jörg Weigand, das sich Wolfgang Jeschke nicht an das Redigieren von eingereichten Kurzgeschichten und Novellen machen wollte, auf der anderen Seite wirkt angesichts der Anthologien wie „Story Reader“, aber auch den mehr als zwanzig Bänden mit internationaler Science Fiction die Kritik an Jeschke schwach, nichts für deutsche Autoren getan zu haben, bzw. sie irgendwann ab einem bestimmten Erfolgslevel fallen gelassen zu haben. Jörg Weigand kritisiert Jeschke zusätzlich als Autor. Die Kürze der Texte verhindert eine umfangreichere Auseinandersetzung, aber Jörg Weigand bringt auch nur Totschlagargumente, welche man gegen sein eigenes Kurzgeschichtenwerk auch anwenden könnte. So souverän Jörg Weigand die Begegnungen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten auch des öffentlichen Lebens trotz unterschiedlicher Ansichten in diesem Band beschreibt, so sehr tritt der Autor vielleicht aus verletztem Stolz bei Wolfgang Jeschke hinterher.
Viel interessanter und aus der persönlichen Perspektive Weigands historisch immer noch auf Augenhöhe erzählt sind neben den kulturellen Begegnungen die politischen Komponenten des Buches, beginnend mit den beruflich bedingten Reisen nach China und in die Mongolei an der Seite Herbert Werners und endend mit verschiedenen Bundeskanzlern und Bundespräsidenten.
Neben der Tätigkeit als Kritiker der WELT, aber auch Sach-Artikelautor inklusive der Buchmessebesuchen ermöglichte es vor allem die redaktionelle Arbeit für das ZDF in Bonn zwischen 1972 und 1996, verschiedene Prominente zu besuchen, zu begleiten und nicht selten auch zu interviewen. Walter Scheel soufflierte den noch unerfahrenen Jörg Weigand. Zu Helmut Kohl fand er keinen richtigen Zugang, aber die kurzen Portraits Helmut Schmidts, des Bundespräsidenten Karl Carstens und seiner Frau mit ihren karitativen Initiativen, aber auch des unermüdlichen Außenministers Genschers sind heute noch lesenswert. Dabei kommen die beiden SPD Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt deutlich besser weg als ihre CDU Kollegen. Neben den Begegnungen erhält der Leser aber auch - über das ganze Buch verteilt - einen Einblick in die redaktionelle Arbeit des ZDFs. Wie man an Aufträge kommt, welche Hierarchien in den Bonner Studios herrschten und dass die ehemalige Bundeshauptstadt im Grunde nur ein kleines Dorf ist, in dem jeder jeden kennt und alle wissen, wo man Informationen bekommt und welche Orte man meiden sollte. Das Buch ist eine Zeitreise in die politische, aber hinsichtlich von literarischen Persönlichkeiten wie Konsalik, Hans Hellmut Kirst oder den angesprochenen G.F. Unger auch kulturelle Vergangenheit, die nicht weniger aufregend als heute ist, aber trotzdem verklärt bis verträumt erscheint. Respekt gegenüber den Gesprächspartnern ist nur ein Aspekt, der in dieser medialen Internetwelt vollkommen vernachlässigt wird. Jörg Weigand bemüht sich bei seinen Portraits um journalistische Neutralität. Es geht ihm vor allem um die Menschen, nicht selten hinter ihren Ämtern, denen er die kurzen, hier gesammelten Essays widmet. Unabhängig von den nicht immer leichten Anlässen, zu denen die Gespräche stattfanden.
Über die Politik hinaus zeigt er aber mit seiner Übersetzerin Zhang Yongshou oder dem kurze Zeit in Ungnade gefallenen chinesischen Vertreter Mei Zhaorong auch deutlich auf, das China damals wie heute ein faszinierendes Land ist, das dem Europäer aber immer etwas fremd bleiben wird. Den Portraits für den Leser bis dahin unbekannter, aber für Jörg Weigand extrem wichtiger Menschen stehen dann die unbekannten, vor der Öffentlichkeit verheimlichten sensiblen Seiten eines Lino Ventures gegenüber, der stoisch seine Filme gemacht, im Inneren aber eine schwere familiäre Last getragen hat. So wird immer wieder die Erwartungshaltung der Leser an die öffentliche Vorstellung der Persönlichkeiten positiv unterminiert, denen Jörg Weigand begegnet ist.
Am Anfang und am Ende seiner zwischenmenschlichen Reise in die eigene Vergangenheit steht jeweils eine Frau. Die schon angesprochene Begleitung in China Zhang Yongshou und seine jetzige Frau Klara Weigand, mit welcher er die Leidenschaft für Literatur teilt. Vielleicht sind es die kleinen Geschichten, welche das Leben auch bei bekannten Persönlichkeiten schrieb, die dem Leser länger im Gedächtnis bleiben. Ein Udo Weinbörner, der gegen seine Erkrankung ankämpfte. Ein Andreas Schäfer, der mit seinem autobiographischen Roman Tabus aufgebrochen hat. Heinz Squarra, der für den Segelsport lebte, aber vom Western profitierte.
Nicht immer, aber meistens gelingt es Jörg Weigand, sich in sein jeweils jüngeres Ich zurückzuversetzen und die Begegnungen möglichst auf Augenhöhe ohne Altersweisheit niederzuschreiben. Bis auf ganz wenige Menschen geht der Autor respektvoll mit seinen unmittelbaren oder über mehrere Begegnungen, vielleicht auch nur mittelbaren Mitmenschen um. Jörg Weigand scheut sich nicht, wie bei Thomas R.P. Mielke oder Gisbert Haefs ganze Lebenswege vom „u“ der Unterhaltungsliteratur zum „e“ ihrer minutiös recherchierten historischen Arbeiten nachzuzeichnen und herauszustellen. Selbst Inspirationen wie die unter dem Pseudonym Iny Lorentz schreibenden Fantasyfans hinsichtlich der literarischen Ambitionen seiner Frau stellt Jörg Weigand in den richtigen Kontext.
Vielleicht wirken einige der Begegnungen zu konzentriert auf den Moment. Vielleicht ist die Länge der kleinen Essays nicht immer adäquat angesichts des Gehaltes der Begegnungen. Wahrscheinlich vermisst ein Leser Fotos aus der Zeit. In dieser Hinsicht sind „Begegnungen“ im direkten Vergleich zu den Paris Erinnerungen, aber auch dem „Abenteuer Literatur“ geradezu kärglich, nämlich gar nicht mit Bildern ausgestattet. Aber wie Karl Ulrich Burgdorf in seinem Vorwort zusammengefasst hat, sind die Begegnungen ein gutes Sprungbrett, um mehr über die Menschen zu erfahren, denen Jörg Weigand in den über achtzig Jahren seines Lebens begegnet ist. Bei einigen Prominenten ist es möglich. Bei anderen für Jörg Weigand einflussreichen Menschen aus dem privaten Umfeld nicht. Daher ist es bewundernswert, mit viel Liebe und Respekt, dass der Autor sie für einen kurzen Moment wieder zum Leben erweckt hat. Und das ist die eigentliche Stärke dieser erneuten Lebenserinnerungen
Jörg Weigand
Literarische und andere Begegnungen aus sechs Jahrzehnten
Paperback, 221 S., Personenregister
Verlag Dieter von Reeken
17,50 € — ISBN 978-3-945807-80-4