Für die Sterne bestimmt

Mary Robinette Kowal

„Für die Sterne bestimmt“ ist nach „Die Berechnung der Sterne“ der zweite Band der „Lady Astronaut“ Serie. In den USA ist inzwischen ein dritter Roman publiziert worden. Ein vierter Band befindet sich in Vorbereitung.

Aber „Für die Sterne bestimmt“ ist nicht nur die nicht unbedingt direkt anschließende Fortsetzung zu „Die Berechnung der Sterne“, es ist auch die Vorgeschichte zu der schon 2013 veröffentlichten Geschichte „The Lady Astronaut of Mars“, die in der Audible Anthologie „Rip- Off“ erschienen ist. Die Handlung spielt dreißig Jahre nach „Für die Sterne bestimmt“.  Die Geschichte ist für den Hugo Award nominiert worden. Später wurde die Nominierung zurückgenommen, da der Text im Audio Format ursprünglich veröffentlicht worden ist. Daher hätte es in der Kategorie „Best Dramatic Presentation, Short Form“ aufgenommen worden müssen, dafür fehlten aber die notwendigen Stimmen. Ein Jahr später hat die Textversion, veröffentlicht auf Tor.com , schließlich doch den Hugo Award gewonnen.

Zwischen „Für die Sterne bestimmt“ und der mit dem HUGO ausgezeichneten Novelle wird mindestens noch ein Roman „The Relentless Moon“ spielen. Daher sollte die Lektüre der noch nicht übersetzten Novelle noch aufgeschoben werden, bis Mary Robinette Kowal die Lücke zwischen den beiden Arbeiten literarisch geschlossen hat.

In „Die Berechnung der Sterne“ hat sich Mary Robinette Kowal auf die ersten Schritte der Menschen ins All konzentriert, nachdem in den fünfziger Jahre ein gigantischer Meteorit auf der Erde eingeschlagen und Teile der USA vernichtet hat. Auf die Dauer wird der Staubmantel in der Atmosphäre die Erde unbewohnbar machen und die Errichtung von Kolonien zuerst auf dem Mond, später dem Mars ist für die Menschheit die einzige Chance zu überleben. Obwohl der größte Teil der Menschen auf der Erde zurückbleiben und damit in absehbarer Zeit sterben werden, gibt es weiterhin politische Konflikte zwischen Ost und West. Die Autorin hat sich in ihrem ersten Buch sehr eng an die historischen Fakten gehalten und angelehnt an die Frauen hinter den „Numbers“, den mathematisch hochbegabten farbigen Frauen, welche die Mondlandung dank ihrer Berechnungen ermöglicht haben, ein authentisches Alternativbild des Rennens um ein Überleben im All geschrieben.  

„The Fated Sky“ – der Titel passt besser, als „Für die Sterne bestimmt“ – setzt einige Monate später ein. Die Protagonisten des ersten Buches Elma York arbeitet inzwischen auf dem Mond. Sie ist als Taxifahrerin unterwegs und schifft Menschen oder Waren zwischen den Landeplätzen und der errichteten Basis hin und her. Eine langweilige Aufgabe.

Als sie zur Erde zurückfliegt, weicht ihre Kapsel vom Landepunkt ab und landet in einem der Gebieten, das die ökologische „Back to Earth“ Bewegung kontrolliert. Die Astronauten werden gefangen genommen, die Terroristen wollen nicht nur den amerikanischen Präsidenten, sondern auch Martin Luther King sprechen. Ein Spezialkommando befreit schließlich die als letzte Geisel verbliebene Elma York. Während „Die Berechnung der Sterne“ zwischen unterschiedlichen Perspektiven und Situationen mit der Ich- Erzählerin York im Mittelpunkt hin und her gesprungen ist, rückte das Thema einer begrenzten Zeit zur Errichtung von Kolonien im All auch mehr und mehr in den Hintergrund. Diese Schwäche zeichnet auch „Für die Sterne bestimmt“ aus. Neben der Geiselnahme gibt es noch einen Anschlag durch die Infiltration von Mitgliedern der Gruppe.  Politische Nachrichten werden fast ausschließlich in Form von Zeitungszitaten oder Rundfunkbeiträgen wiedergegeben. Aber eine globale Bewegung zur Rettung der Menschheit angesichts der nicht mehr zu verhindernden ökologischen Katastrophe mit einer gigantischen Erwärmung durch den Meteoriteneinschlag findet sich im zweiten Buch auch nicht. Nur einzelne Terroristenaktionen. Damit fehlt dem Roman auch weiterhin die dramaturgische Dringlichkeit des ersten Bandes.

Der Fokus/ Schwerpunkt liegt weiterhin mehr auf die Eroberung des Alls in dieser Alternativweltgeschichte, die bis auf den Meteoriteneinschlag sehr nahe an den technischen Möglichkeiten der dem Leser vertrauten Raumfahrt, sachlich extrapoliert angelegt worden ist.   

Im Mittelpunkt steht eine von zwei Raumschiffen geführte Expedition zum Mars. Der Starttermin ist das Jahr 1961. Ursprünglich sollte keine von den „Lady Astronauts“ an Bord sein. Aber die neuen Computer an Bord der Raumschiffe, aber vor allem auch der Erde sind nicht genau genug. Deswegen möchte man eine Art menschliche Rechenmaschine wie beim Flug zum Mond an Bord haben. Das bedeutet aber auch, das die Astronautin drei Jahre unterwegs ist.

Elma York wird in letzter Minute in dem Programm aufgenommen, eine ihrer Freundinnen muss weichen. Ihr Mann Nathaniel York ahnt schon, dass es seine Frau zum Mars, zu den Sternen zieht. Unabhängig von der Popularität für das Programm, für die Gleichberechtigung von jüdischen und farbigen Frauen, die in den armen Südstaaten der USA geboren und aufgewachsen sind.

An Bord trifft York wieder auf Parker, der als Missionsleiter sie im Grunde hasst. Parker hat York das Leben schon während des zweiten Weltkriegs schwer gemacht, als sie ihn wegen sexuellen „Mißbrauchs“ von Untergebenen bei ihrem Vater, einem hochrangigen General angezeigt hat. Während der Ausbildung und dem ersten Flug zum Mond hat Parker York deutlich gemacht, was er von ihr hält. Auf der anderen Seite hat sich Parker auch als harter, aber fairer Vorgesetzter erwiesen, der ihre Angststörung und die Medikamente verschwiegen hat.

Das Verhältnis zwischen Parker und York steht im Mittelpunkt des zweiten Bandes. Keine romantischen Gedanken, sondern Mary Robinette Kowal analysiert sehr emotional, aber nicht kitschig, was derartige Flüge für die Menschen an Bord der kleinen Kapseln, aber auch ihre Hinterbliebenen auf der Erde bedeuten. Ohne seine Persönlichkeit zu diskreditieren, arbeitet die Autorin mit Parker den vielleicht dreidimensionalsten Charakter heraus. Der Leser lernt Parkers hartes familiäres Los kennen, das aus heutiger Sicht einem Horrorfilm entsprungen sein könnte. Parker steht zwischen allen Stühlen. Er muss gegenüber seiner Crew die Entscheidungen von Mission Control vertreten, auch wenn diese nicht immer richtig sind. Mehr und mehr distanziert er sich von den Anweisungen und versucht mit allerdings entschlossener Hand und der nicht immer einfachen Crew an seiner Seite, die Mission erfolgreich zu Ende zu führen.

York muss ihre „Vorurteile“ überwinden. Dabei offenbart sich Parker ihr gegenüber nicht, es sind kleine Puzzleteile, die zusammenfallen. Im Gegensatz zu  Parker hat York mit ihrem Mann an einer entscheidenden Stelle der Mission immer eine Art Back Up Lösung, die ihre Ecken und Kanten, ihre Hitzköpfigkeit zu glätten und zu kanalisieren weiß. Parker ist im Grunde alleine. Überzeugend schafft es die Autorin, die beiden Charaktere dreidimensional und vertraut zu behalten, aber auch entsprechend weiterzuentwickeln. Das liegt teilweise auch in der Tatsache begründet, das Mary Robinette Kowal ihre Ich Erzählerin Elma York deutlich charakterlich zurückführt. Ihr Minderwertigkeitskomplex ist genauso über weite Strecken überwunden wie ihre Angststörung.  

Die Mission selbst zeigt die Herausforderungen, Gefahren und vor allem die Schwierigkeiten von Menschen, auf engsten Raum zusammenleben zu müssen. Zumindest zeitweise, denn beide Raumschiffe sind so konstruiert, das sie jeweils die komplette Crew aufnehmen könnten. Dabei reicht das Spektrum von dem fast obligatorischen Loch in der Hülle bis zu verfaulten Lebensmitteln, welche an Bord des einen Raumschiffs zu schwerem Durchfall führt. Auch ein Kondom stellt ungeahnt Schwierigkeiten dar.

Die einzelnen Szenen sind authentisch und überzeugen vor allem, weil die Autorin deutlich macht, das sich die einzelnen Menschen immer quasi selbst mitnehmen. Ihre Vorurteile, ihre religiösen Hintergründe – sie werden allerdings während der gemeinsamen Trauer auch überwunden.-, aber auch ihre individuellen Stärken und Schwächen begleiten sie zum roten Planeten.

Wie „Die Berechnbung der Sterne“   lebt der Roman von einer überzeugenden Beschreibung der ersten Schritte der Menschen weitaus früher als in unserer Realität und mit der damals verfügbaren Technik in den Orbit, dann zum Mond und jetzt zum Mars.

Die Charaktere sind deutlich realistischer beschrieben, dreidimensional und ein wichtiger Bestandteil dieser Alternativweltzukunftssaga. Der Spannungsbogen inklusiv des entsprechenden Tempos ist durch die Konzentration auf den Flug zum Mars – etwa siebzig Prozent des Buches spielen ausschließlich an Bord der beiden Raumschiffe – deutlich fokussierter und packender als im ersten Buch der Serie, in welchem die Autorin sowohl den Weg zu den Sternen, die Etablierung der Ladies Astronauten, die Beschreibung des Katalysators in Form des Meteoriteneinschlages und die Zeichnung der Protagonisten unter einen Hut bringen musste. Viele dieser Punkte fallen in dem interessanten, konsequent geschriebenen zweiten Roman der Serie als bekannt weg. Es ist aber unabdingbar, „Die Berechnung der Sterne“ zuerst zu lesen, um das Flair der Serie und die einzelnen sich stetig weiterentwickelnden Protagonisten in sich aufzunehmen, bevor der Blick zumindest zum roten Planeten gerichtet werden kann.        

Für die Sterne bestimmt (Lady Astronaut 2): Roman | Astronautinnen-Saga

  • Herausgeber ‏ : ‎ Piper; 1. Edition (27. Oktober 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 432 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3492707343
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3492707343
  • Originaltitel ‏ : ‎ The Fated Sky