Warte auf das letzte Jahr

Philip K. Dick

Philip K. Dicks 1966 entstandener Roman „Now wait for Last Year” erschien ebenfalls mehrmals in Deutschland.  Fünfzehn Jahre später veröffentlichte Hans Joachim Alpers mit einer Übersetzung von Thomas Ziegler, allerdings mit einem unglücklichen Titelbild, das Buch das erste Mal im Rahmen der Moewig Science Fiction Ausgabe. Überarbeitet von Alexander Martin erschien der Roman dann 2006 im Heyne Verlag, anschließend im Rahmen der Dick Werksausgabe erneut bei Fischer.

Zwischen 1960 und 1970 veröffentlichte Philip K. Dick insgesamt achtundzwanzig Romane. „Now wait for Last Year“ wurde zusammen mit vier anderen Werken aus seiner Feder von der Liberary of American Series als repräsentativ für diese Ära in seinem Schaffen ausgewählt. Im Roman finden sich viele Themen, mit denen sich der Amerikaner immer wieder auseinandersetzte. Da wäre im Hintergrund ein interstellaren Krieg, welche die demokratische Ordnung vor allem in den USA der Zukunft außer Kraft setzt. In späteren Büchern wird Dick die Idee des Krieges gegen Rassenunruhen austauschen. Das Ergebnis ist allerdings immer das Gleiche. Die klassische Demokratie mit einem gewählten Präsidenten an der Spitze wird gegen eine mehr oder minder kapitalistische Diktatur mit einem dominanten, aber nicht unbedingt gleichzeitig brutalen Anführer ausgetauscht.

Die Frage nach der realen Identität einzelner Charaktere und damit das Motiv des  Doppelgängers wird nur gestreift. So gibt es Gerüchte, dass vom Präsidenten Androidenkopien hergestellt worden sind. Weiterhin gibt es konserviert einen von Kugel durchsiebten Körper für den Notfall. Philip K. dick lässt aber nicht die Frage diskutieren, ob der Präsident noch der Präsident ist. Vielleicht spielt das in diesem besonderen Romane auch keine entscheidende Rolle, da dessen Psychosen und damit verbunden die Behandlung von zahlreichen Krankheiten selbst aus dem Original eine Art „Kopie“ gemacht haben. Den schmalen Grat zwischen nicht selten geistigen Erkrankungen auch durch die Nutzung von Drogen und den behandelnden Ärzten wird Dick vor allem in seinen in den siebziger Jahren veröffentlichten Romanen noch einmal intensiver behandeln. Hier gerät die Idee angesichts der Komplexität der Handlung schnell in den Hintergrund und wird für das Finale auch nicht unbedingt benötigt. Dick behandelt das Thema als einen weiteren bizarren Aspekt dieser Zukunftswelt, quasi eingebettet in die kleinen Taschenuniversen, welche sich die reiche Elite in einer Art Wettkampf um die am meisten exzentrische Idee vor allem auf dem Mars selbst erschaffen haben.    

 Ein weiteres Thema sind die Experimente mit Drogen, welche nicht nur die Realität verändern, sondern im vorliegenden Buch auch eine Zeitreise in die Zukunft bzw. Vergangenheit ermöglichen. In „Mozart für Marsianer“ ist es die PSI Kraft eines Jungen, welcher die Grenzen der Zeit aushebelt. In beiden Büchern werden aber durch die Reisen in der Zeit Parallelwelten erschaffen, die eine Rückkehr an den Ausgangspunkt und/ oder eine Eliminierung der Veränderungen unmöglich machen. Ein abschließendes Thema ist Philip K. Dicks Auseinandersetzung mit Frauen im Allgemeinen, in diesem Fall mit den Folgen oder Konsequenzen einer selbstzerstörerischen Ehe.

Hintergrundtechnisch findet der Leser halbwegs intelligente Roboter und fliegende Taxis. Der Roman könnte also auf einer der Parallelwelten zu “Träumen Roboter von elektrischen Schafen?” spielen. Auf der anderen Seite ist Dicks Geschichte auch stark in der Gegenwart verwurzelt, den jenseits der südlichen Grenze in Mexiko können die Amerikaner mit ihren Dollars immer noch alles kaufen. Von Jungfrauen bis eben JJ- 180 inklusiv eines schmuddeligen Hotelzimmers, in welchem die Droge eingesetzt werden kann.    

Die Menschheit befindet sich an der Seite der Sternenmenschen – sie stammen vom Planeten Lilistar- im Krieg mit den Reegs, sixbeinige insektoide Kreaturen, die eher ambivaslent beschrieben worden sind und an eine Parodie auf Robert A. Heinleins Bugs erinnern.

Im Gegensatz zu vielen anderen Dick Romanen, in denen Bürger des amerikanischen Mittelstands aus ihren Verhältnissen gerissen worden sind, steht dieses Mal ein Mitglied der menschlichen Elite im Fokus der Handlung. Eric Sweetscent ist einer der besten Organtransplant Ärzte der Erde. Er ist verheiratet mit der - höflich gesprochen - schwierigen Kathy, die vor allem an seinem Geld interessiert ist. Eric Sweetscent möchte sich am liebsten scheiden lassen, alleine es fehlt ihm der Mut.

Sweetscent arbeitet für Virgil Ackerman, den Präsidenten der Tijuana Fur & Dye, einer einflussreichen Firma, mit mittels einer außerirdischen Amöbe inzwischen der wichtigste Kunstfellhersteller der Erde ist. Allerdings muss sich die Firma wie alle anderen Konglomerate dem Kriegsgeschehen beugen und produziert inzwischen ausschließlich für die Regierung und damit die Soldaten. Trotzdem füllen sich die Taschen der Geschäftsführer mit Regierungsgeldern.

Die reiche Elite hat sich eigene Paradiese erschaffen. Private Themenwelten. Ackermann hat das Washington seiner Kindheit, des Jahres 1935 aufbauen lassen. Sein zukünftiger Ruhesitz auf dem Mars. Als Gast hat er neben Sweetscent Gino Molinari eingeladen, der „gewählten“ Anführer der Erde. Angeblich ist dessen Körper so widerstandsfähig, das er selbst von den Toten auferstehen kann. In Wirklichkeit umgeben den potentiellen Hypochonder, der sich jede bekannte Krankheit quasi metaphorisch gesprochen anzieht, viele qualifizierte Ärzte. Auch Sweetscent soll zu diesem Team stoßen und mittels Transplantationen das Leben des Präsidenten verlängern.

In seiner Abwesenheit experimentiert Kathy Sweetscent mit einer besonderen Droge natürlich soweit bekannt aus deutscher Produktion: JJ-180 ist hochgiftig und macht den Nutzer umgehend abhängig. Die Folgen der nicht nur das Bewusstsein erweiternden, sondern die Grenzen der Zeit durchbrechenden Droge werden von Dick eher ambivalent beschrieben. Kathy wird berichtet, dass angeblich die Reegs hinter deren Produktion stecken und nur die Starman ihr helfen können. Im Gegenzug für eine kontinuierliche Versorgung der Droge – ein Gegenmittel gegen die Entzugserscheinungen gibt es nicht – soll Kathy sich wieder mit ihrem Mann versöhnen und zu ihm reisen, da er in seiner neuen Position schnell politischen Einfluss erhalten könnte. Die Starmen haben Angst, dass der Präsident der Erde mit den reegs eine Art Friedensabkommen aushandeln könnte, was deren politische Position und vor allem ihrem hintergründigen Einfluss auf die Erde schwächen könnte.

Auch dieser Aspekt der politischen Ränkespiele wird im Laufe des Buches fallen gelassen. In der Zukunft gibt es zwar mehrere Variationen hinsichtlich des Ausgangs des Krieges, aber im Grunde handelt es sich höchstens um Pyrrhussiege nach erschöpfenden, aber ausschließlich im off stattfindenden Kämpfen. Obwohl Philip K. Dick die Ideen der Kriegswirtschaft und darüber hinaus der Rationierung allerdings nur für die einfachen oder mittleren Bevölkerungsschichten beschwört, findet der Konflikt aktiv in der Handlung bis auf einige wenige Zeitungsmeldungen nicht statt.

Kaum an dessen neuen Arbeitsplatz angekommen, macht Kathy ihren baldigen Ex Mann ebenfalls abhängig. Im Gegensatz zu allen anderen Protagonisten hat JJ- 180 auf Eric Sweetscent eine konträre Wirkung. Er reist gedanklich in die Zukunft. Dick impliziert, dass die Reisen in die Vergangenheit oder in seltenen Fällen in die Zukunft keinen wirklich abschließenden Einfluss auf die Gegenwart haben. Die neu erschaffenen Parallelwelten verändern nicht die Ausgangsgegenwart. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob man einen Brief oder vor allem ein technisches Gerät in die Vergangenheit schmuggelt und sie einer Person absichtlich in die Hand drückt, damit sie mit den eigenen Erfindungen den Verlauf der Gegenwart verändert. Sowohl Harlan Ellison als auch James Cameron haben sich daran versucht. Viel mehr verläuft das neue Universum lange Zeit „parallel“. Damit Dick aber seinen Roman zufriedenstellend abschließen kann, ist er auf einen Kniff angewiesen. Die Abweichungen dürfen nicht zu groß werden und vor allem deutet der Amerikaner ein wenig konstruiert an, das die veränderte Zeit bzw. die unzähligen neu erschaffenen Paralleluniversen trotzdem zu einer  gemeinsamen Mündung fließen. Damit können die Protagonisten Informationen aus der Zukunft  bzw. Vergangenheit nicht direkt und vor allem manipulativ nutzen, aber sie helfen ihnen in ihren jeweiligen Ausgangspunkten indirekt weiter.

Eric Sweetscent beginnt die Droge JJ- 180 aktiv einzusetzen. Mittels verschiedener Dosierungen kann er auf seinen Reisen zwar keine Probleme lösen, aber mit dem vorhandenen Wissen eine neue alternative Gegenwart erschaffen, die seiner inzwischen in einer geschlossenen Anstalt wegen ihrer paranoiden Schübe lebenden Frau und unte rpersönlichen Opfern auch ihm passt. Sweetscent wie der Leser musste nicht auf das letzte Jahr warten. Dieses im Titel sowohl der amerikanischen Originalausgabe wie auch den deutschen Übersetzungen benannte letzte Jahr gibt es nicht, weil die Zeit in der von Philip K. Dick beschriebenen Form zähflüssig beweglich ist. Jede Reise in die Vergangenheit - dabei sind einhundertzwanzig Jahre anscheinend kein Problem - oder die nähere Zukunft mit einem zehnjährigen Sprung öffnet eher Türen als das die Reisenden und damit die Leser mit einer finalen Entscheidung konfrontiert werden. 

Die einzelnen Drogensequenzen wirken wie Fingerübungen zu Dicks “Der dunkle Schirm”, knapp zehn Jahre später entstanden. Auch wenn sich Dick den Gefahren  von unkontrollierten Drogenexperimenten bewusst ist und er mit JJ- 180 die ultimative Abhängigkeit beschrieben hat, wirken diese Szenen wie eine Inspiration, die Hunter Thompson in Romanen wie “Fear and Loathing in Las Vegas” übernommen hat. Die verschiedenen Effekte der Drogen gehören in diesem ansonsten sehr strukturierten und erstaunlich emotionslos geschriebenen Roman zu den exotischen farbenprächtigen Exzessen. 

Trotz oder vielleicht gerade wegen der Vielzahl der beschriebenen Ideen und der auf den ersten Blick nicht nur komplexen, sondern komplizierten Handlung ragt “Warte auf das letzte Jahr” aus einem gänzlich anderen Grund über viele andere Dick, aber auch Science Fiction Romanen dieser Zeit weit hinaus. Absichtlich nimmt sich Philip K. Dick besonders in diesem Buch einem klassischen, vielleicht auch klischeehaften, aber zeitlosen Mainstreamthema an: Wie handelt man, wenn die Zeiten härter werden und die Beziehung/ Ehe nicht nur aufgrund von Differenzen, sondern schweren Erkrankungen stark belastet wird? Bleibt man dem Partner und sich trotz aller Lasten treu oder flieht man vielleicht nicht unbedingt in eine neue Freiheit, sondern vor jeglicher Verantwortung? Dick findet auf diese schwierige Frage eine erstaunlich simple, überraschend reife und den Kern dieses Buches ausmachende Antwort.      

     

Warte auf das letzte Jahr: Roman (Fischer Klassik)

  • Herausgeber ‏ : ‎ FISCHER Taschenbuch; 1. Edition (26. März 2015)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 224 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3596905656
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3596905652
  • Originaltitel ‏ : ‎ Now wait for last year