Fräulein Schmidt und die Götter der Apokalypse

Wilko Müller j.r

Wilko Müller jr. schließt seine kommerziell nicht zufriedenstellend erfolgreiche Reihe um die Göttin Fräulein Schmidt und ihren Antiquariatsbesitzer mit dem vorliegenden siebten Abenteuer “Fräulein Schmidt und die Götter der Apokalypse” ab. In seinem Nachwort spricht Wilko Müller jr. nicht nur davon, dass er vor der schriftstellerischen Arbeit die ersten Abenteuer noch einmal komplett lesen musste, um die Atmosphäre wieder einzufangen, sondern er versucht seine Serie von den zahlreichen Comicverfilmungen mit Neuinterpretationen der alten Götter abzugrenzen. 

Das vorangegangene Abenteuer “Fräulein Schmidt und der heilige Berg” endete frustrierend offen und schrie förmlich nach einem Abschluss. Wilko Müller jr präsentiert mit “Fräulein Schmidt und die Götter der Apokalpyse” mehr als einen teilweise alte Science Fiction Ideen auf interessante Art und Weise nutzende Versatzstücke. Wer sich nicht unbedingt für die Details interessiert, findet im Laufe dieses sich langsam entwickelnden Buches immer wieder Hinweise auf die bislang publizierten Abenteuer und eine Reihe von verblichenen Antagonisten. Es ist nicht unbedingt notwendig, alle Bücher in chronologischer Reihenfolge zu lesen, der siebente Streich befriedigt in dieser Hinsicht. Auf der anderen Seite unterstreicht Wilko Müller jr. mit dieser Vorgehensweise, wie komplex die Serie wahrscheinlich nicht unbedingt von Anfang an geplant geworden ist. 

Die Menschen wurden in “Fräulein Schmidt und der heilige Berg” mit der unangenehmen Wahrheit konfrontiert, dass es Götter in verschiedenen Interpretationen der Mythologie wirklich gibt. Das hat für Freude, aber auch Chaos gesorgt. Vor allem, weil eine Göttin unerkannt mitten unter den Menschen in Berlin lebt. 

Einige Götter wollen aber mit Gaia, der Erdmutter an der Spitze, die Menschen loswerden. Insbesondere Gaia hat sogar ein berechtigtes Interesse, den die Menschheit per se mit ihrer kontinuierlichen Umweltzerstörung bedroht die Schöpfung, die sie bewahren soll. Also schreitet Gaia mit einigen anderen Göttern zu drastischen Mitteln. 

Diese Idee erscheint auf den ersten Blick originell und neu. Dabei hat sie eine lange Tradition. Schon Hermann Löns hat in einigen seiner phantastischen Geschichten vor der Zerstörung der Umwelt durch die Menschen und damit im Fall des norddeutschen Schriftstellers vor der Erweckung der zum Beispiel in der Erde schlafenden übernatürlichen Wesen gewarnt. Da die Menschen nicht hören wollten, mussten sie fühlen. Das ist auch bei “Fräulein Schmidt und die Götter der Apokalypse” der Fall. Die “Terranauten” galten auch als die erste frühe grüne Science Fiction Serie und verband phantastische Elemente/ Ideen mit den Legenden um den Weltenbaum Yggdrasil. 

Die Auswirkungen der Konfrontation zwischen den Göttern sind allerdings bei Wilko Müller jr deutlich dramatischer. Ein Erdbeben zerstört die Infrastruktur Deutschlands und eliminiert nebenbei die politische Führung. Wie gut, das der Autor den Führungskräften der Bundeswehr bzw. deren Spezialeinheiten zutraut, eine Art politische Ordnung zu etablieren und damit zumindest eine Teilkontrolle zu gewinnen. 

Auch das Finale mit dem Kampf zwischen den guten Göttern in klassischer Montur - moderne Waffen scheiden von Beginn an aus - und Gaia sowie ihren H.P. Lovecraft absichtlich entlehnten alten Göttern hinterläßt höflich gesprochen verheerende Spuren. Wilko Müller jr. hat mit der Idee der alten Götter in der modernen Gegenwart ein Tor wieder geöffnet, durch das Andreas Suchanek im Rahmen seiner Science Fiction Serie “Heliosphere 2265” zum Beispiel ab etwa der Mitte der Handlung förmlich gesprungen ist. Während es Wilko Müller jr. hinsichtlich der Charakterisierung der alten Götter bei  den von H.P. Lovecraft vertrauten Andeutungen belässt, verliert sich Andreas Suchanek abschließend in zu detaillierten Beschreibungen. 

Nach dem Finale ist vor dem Epilog. In einer interessanten, aber die ganze Serie zumindest auf den ersten Blick eher pragmatisch abschließenden Sequenz richtet der Autor seinen Serienkosmos wieder aus. Es ist keine neue Idee, die vor allem innerhalb der Science Fiction nicht immer mit den gewünschten Ergebnissen verwandt worden ist. Aber Wilko Müller j.r will die Serie auch nicht auf einer deprimierenden Note enden lassen. 

Etwas weniger exzentrisch als der in dieser Hinsicht unübertroffene Meister Neil Gaiman unter anderem mit “American Gods” integriert der Autor die doch sehr menschlich erscheinenden Götter in die Gegenwart. Auch die Aktionen Gaias überraschen nicht nur Fräulein Schmidt. Im Gegensatz Gaiman extrapoliert Wilko Müller jr. immer wieder den Hintergrund seiner Götterfiguren. Nicht jeden Namen wird der Leser kennen. Insbesondere in der ersten Hälfte des Buches hemmen diese nicht belehrend geschriebenen Exkursionen den Handlungsfluss. In der zweiten Hälfte des Romans überschlagen sich dagegen die Ereignisse fast zu schnell. 

Neil Gaiman hat es sich mit seinen überdreht beschriebenen Figuren und Fokussierung auf markante göttliche Persönlichkeiten etwas leichter gemacht. Aber der Leser erkennt an Wilko Müller jr.s Vorgehen die Recherche, die nicht nur in diesen Band, sondern die ganze Serie mit den zahlreichen Mythen wie dem Geheimnis unter der Schlangeninsel; Atlantis und schließlich auch dem heiligen Berg geflossen ist.  Dazu kommt der schon angesprochene interessant gestaltete Rückgriff auf Lovecrafts alte Götter, die in einem starken Kontrast zu den populären nordischen “Persönlichkeiten” mit ihren Stärken, Schwächen, aber auch Egos stehen. Der Schlüssel zur Auflösung des Plots, im Grunde der ganzen Serie ist schließlich ein “Gott”, auf den der Autor bislang positiv gesprochen nicht zurückgegriffen hat.     

Die Dialoge sind weniger pointiert und doppeldeutig als bei Gaiman. Wilko Müller jr. will keine Persiflage schreiben, sondern basierend auf der Idee, das es tatsächlich Götter (noch) gibt, ernsthafte Unterhaltungsliteratur mit entsprechenden Querverweisen auf Mythen/ Legenden schreiben. Überdrehte Exzentrik passt nicht in diesen Serienkosmos. 

Das Alltagsleben ist vielleicht für Fräulein Schmidt keine harte Arbeit, aber unter dem Radar der Öffentlichkeit selbst auf einem perfekt umgebauten Fabrikgelände zu leben ist nicht immer einfach. Wilko Müller jr. treibt mit seinen Gesprächen/ Dialogen auch lieber den Plot voran als das er seine Figuren labern lässt. 

Auf Running Gags verzichtet der Autor meistens. Im vorliegenden siebten Abenteuer sind es die drei Attentatsversuche auf den Antiquar Wichowski, denen der Mann mit stetig wachsender Entschlossenheit und die immer wieder herbeigerufene Polizei verblüffend begegnet.    

Literarisch fallen die sieben Romane und die eine ursprünglich gesondert veröffentlichte Kurzgeschichte ohne Frage aus dem klassischen Genrerahmen. Das macht den Reiz der Geschichten aus, hat ihnen aber wahrscheinlich kommerziell auch geschadet. “Fräulein Schmidt und die Götter der Apokalypse” ist ein über weite Strecken sehr zufriedenstellender Abschluss der Serie. Die Schreibpause hat Wilko Müller jr. auch geholfen, seine Stärken besser zu fokussieren. Einzelne Romane der Serie litten unter einer Reihe von handlungstechnischen Stereotypen, denen der Autor nur noch jeweils andere Hintergründe verpasst hatte. Auch wenn Wilko Müller jr. im vorliegenden letzten Buch dem literarischen Katastrophenleitfaden folgt, liest sich die Geschichte kurzweilig. Die Anspielungen auf die Exzesse der von den Göttern eher kaum beachteten Menschen - das reicht vom Jahr 1945 bis zur gegenwärtigen Zerstörung der Umwelt durch die Treibhausgase - sind gut platziert und geben dem Buch die entsprechende Aktualität.

Fräulein Schmidt und die Götter der Apokalypse

  • Herausgeber ‏ : ‎ Edition SOLAR-X; 1. Edition (5. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 201 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3945713811
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3945713815
  • UNSPSC-Code ‏ : ‎ 55101500