Der Heyne Verlag legt mit “Welten” die fünf Novellen umfassende Sammlung aus der kurzlebigen, von Michael Nagula mit betreuten Science Fiction Reihe wieder auf. 2004 erschienen die Geschichten unter dem Titel “Welten und Zeit genug”.
Die fünf Texte sind alleinstehend und zeigen Dan Simmons literarische Bandbreite. Aber auch in einer anderen Hinsicht sind sie ein guter Einstieg in das mehrfach prämierte Werk des Amerikaners. Eine Geschichte ist eine Art Epilog zu den beiden ebenfalls im Heyne Verlag neu aufgelegten “Endymon” Romanen. Dafür wurde Dan Simmons mit dem LOCUS Award ausgezeichnet. Eine andere Novelle öffnet das Tor zu Dan Simmons zweiten Science Fiction Epos “Illium”. Um es gleich vorweg zu nehmen, beide Texte lassen sich auch ohne Kenntnis der entsprechenden umfangreichen Romane sehr gut lesen.
“Auf der Suche nach Kelly Dahl” präsentiert einen für die Horrorarbeiten Dan Simmons so klassisch typischen Charakter. Ein ausgebrannter Alkoholkranker Lehrer leidet unter seiner Scheidung, aber noch mehr unter dem zu frühen Tod seines Sohns. In einer surrealistisch gestalteten Alptraumwelt ohne weitere Menschen wird der Protagonist von einem seiner Schüler verfolgt. Kelly Dahl konnte er aus seiner subjektiven Sicht nicht helfen. Er hat nicht erkrankt, aus welch schlimmen Zuständen sie quasi immer wieder in die Schule geflohen ist. Die Geschichte lebt weniger von der relativ simpel gestrickten Handlung oder dem wie angesprochen absichtlich verfremdeten Hintergrund, der verschiedene Interpretationen anbietet, sondern vor allem von den dreidimensional, aber auch am Rande des Klischees gezeichneten Protagonisten und der Frage nach der Schuld. Nur in dem sich der Charakter seinem eigenen beruflichen “Fehler” Kelly Dahl stellt, hofft er, selbst irgendwie oder irgendwo Vergebung vor dem eigenen schlechten Gewissen zu finden.
“Das Ende der Schwerkraft” ohne phantastischen Elemente passt sehr gut zu Dan Simmons ebenfalls im Heyne Verlag neu publizierten Roman “Moon”, im Original “Phases of Gravity”.
Der Protagonist - ein kranker amerikanischer Schriftsteller - reist nach Russland, um Kosmonauten zu interviewen. Dan Simmons greift auf den entsprechend realistischen Hintergrund seines Romans zurück und entwickelt einen eher ruhigen Plot, in dem es auf die emotionalen Zwischentöne ankommt. Der Autor trifft auch auf eine Kosmonautin, welche quasi Karriere trechnisch aufgrund ihres Geschlechts die Spitze erreicht hat. Allerdings verliert sich der Plot anschließend in verschiedenen Gesprächen. Auch “Phases of Gravity” litt unter der Unentschlossenheit des Autoren, die Geschichte wirklich konsequent bis zum Ende zu entwickeln.
“Mit Kanakaredes auf dem K2” ist eine humorvolle Geschichte, in welcher Dan Simmons im übertragenen Sinne Szenen übt, die später ihre Kraft und Faszination in dem Epos “Der Berg” entfalten sollten. In der Antarktis leben die Mitglieder einer zur Erde gesandten außerirdischen Zivilisation. Von der Gewalt her erinnern sie an Gottesanbeterinnen. Kontakt mit den Menschen findet aufgrund der unterschiedlichen Beziehungen nicht statt. Ein junger Außerirdischer überredet seine “Eltern” und die Menschen, an einer Bergsteigerexpedition teilzunehmen, deren Ziel der berühmt berüchtigte K2 ist. Die Behörden sehen darin eine Chance, mehr über die fremden Besucher herauszufinden.
Der Spannungsbogen ist vorgegeben. Wie viele der mehrere tausend Meter hohen Berge ist es kein Spaziergang und vor allem kommt es auf Vertrauen und ein eingespieltes Team an. Die anfänglichen Unterschiede, aber auch vor allem von menschlicher Seite Vorurteile schwinden in den Bergwänden. Menschen und das Alien beginnen gegenseitig ihre Fähigkeiten zu bewundern und sich auf den jeweils anderen zu verlassen. Auf der emotionalen Ebene immer ein wenig am Rande des Kitsches trifft Dan Simmons die richtige Töne und so ist die Novelle trotz einiger Vertrautheiten wegen Dan Simmons Fähigkeit, Extremsituationen ausgesprochen überzeugend und minutiös, aber nicht belehrend zu erzählen die wahrscheinlich beste Geschichte dieser Sammlung.
“Die verlorenen Kinder der Helix” hat einen interessanten Hintergrund. Das Team von Star Trek Voyager fragte beim Amerikaner an, ob er sich auch ein Drehbuch für die Star Trek Serie vorstellen könnte. Herausgekommen ist allerdings eine Story, die schließlich im Hyperion/ Endymion Universum spielt.
Ein Kolonistenraumschiff fängt einen Notruf in den Tiefen des Alls ab. Die Einheimischen haben sich anscheinend auf einer gigantischen, an einen Baum erinnernden Helix niedergelassen, die um die Sonne treibt. Alle 57 Jahre wird die Helix quasi geerntet und ein Teil der Siedlung zerstört. Das schwerbewaffnete Raumschiff von der Erde soll der Ernte ein Ende machen. Im Gegensatz zu Star Trek mit der Prime Directive betrachtet Dan Simmons das Problem aus mehreren Perspektiven, Das Ansinnen der Siedler ist klar, aber sie kamen erst nach den Erntemaschinen. Wem gehören diese Raumschiffe und wer hängt evtl. von einer reichen Ernte ab? Diese Fragen werden nicht abschließend beantwortet, aber Dan Simmons versucht die Problematik nicht nur den Lesern, sondern den egoistischen Siedlern klar zu machen. Der Reiz dieser Novelle ist in der Tatsache begründet, dass der Leser sich selbst positionieren und im übertragenen Sinne auch eine gewisse Verantwortung übernehmen muss.
“Das neunte Av” als Einführung in das “Illium” Universum ist schwere Kost. Dan Simmons beschwert sich quasi als Einstimmung, das bei der Erstveröffentlichung viele Leser den Kontext nicht verstanden haben oder sie vielen zu seltsame, zu exzentrisch erschien. Das ist auch ohne Frage der Fall. Viel mehr stellt sich beim Leser die Frage, ob der Autor nicht zu einseitig argumentiert und ein Nichtverstehen nicht immer die Schuld der ungebildeten Leser ist, sondern mancher Schriftsteller seine Texte zu stark überambitioniert komponiert und dabei den Bezug zum Leser verliert?
Im Jahre 3001 ist die menschliche Rasse durch eine Krankheit fast gänzlich ausgelöscht worden. Die Reste der Menschheit werden quasi von es gut meinenden Außerirdischen gehegt und gepflegt. Warum alle Menschen Nachkommen einer kleinen jüdischen Glaubensgemeinschaft sind, wird allerdings nicht erläutert. Gegen eine relative Unsterblichkeit müssen sie quasi ihre Fruchtbarkeit eintauschen. Die Menschen können auch teleportieren, was in dieser Geschichte faxing genannt wird. Aber die Außerirdischen wollen die Menschen quasi für zehntausend Jahre in eine Art Stasis versetzen, auch wenn es hierfür keine weiteren Erklärungen gibt.
Misstrauen macht sich unter den Menschen breit. Ist es wirklich nur eine Art der Stasis oder haben die Außerirdischen eine Variation der Endlösung für die letzten Menschen, aber vor allem auch die letzten Juden gefunden?
Ohne Frage ist die Thematik nicht nur zeitlos, sondern auch brisant. Dan Simmons hätte sich vielleicht einen Gefallen getan, statt einer Novelle einen Roman zu schreiben. Viele der Ereignisse werden dem Leser buchstäblich umn die Ohren geschlagen und der Plot wirkt sehr hektisch. Die Fragen werden schließlich eher beiläufig, aber nicht schlüssig beantwortet. Die Zeichnung der menschlichen Protagonisten ist erstaunlich eindimensional und am Ende ist nicht nur der Leser, sondern vielleicht auch der Autor froh, dass er seine inhaltlich sicherlich beste Novelle der Sammlung, aber in der dieser Form herausfordernde Geschichte abgeschlossen hat.
“Welten” ist wie eingangs erwähnt vor allem für Einsteiger in Dan Simmons komplexe Romane und seine dreidimensionalen Charaktere lesenswert. Viele wichtige Themen wie Menschlichkeit in Stärke, aber auch Schwäche; die Faszination des vielfältigen Universums und schließlich auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit werden gestreift. Dan Simmons Romane sind ohne Frage “besser”, umfangreicher und vielleicht auch cineastischer, aber den Ideenreichtum und vor allem den Mut, aus bekannten Prämissen etwas Anderes zu machen, lässt sich besser aus den vor allem Novellen im umfangreichen Werk des Amerikaners ablesen und dazu ist “Welten” ein ideales Sprungbrett.
- Herausgeber : Heyne Verlag (5. Mai 2008)
- Sprache : Deutsch
- ISBN-10 : 3453524446
- ISBN-13 : 978-3453524446