Jürgen vom Scheidt alias Thomas Landfinder hat 1971 unter dem Titel „Liebe 2002“ die bekanntesten erotischen Geschichten des Science Fiction Genres zusammengestellt. Die Anthologie ist zweimal nachgedruckt worden. Sowohl im Rahmen der „Fischer Orbit“ Reihe des Fischer Verlages als auch unter dem Titel „Sex im All“ für den Goldmann Verlag sind nur Auszüge dieser Anthologie verwandt worden, so dass es sich lohnt, die ursprüngliche Ausgabe antiquarisch zu erwerben.
Weiterhin ist es wichtig, die Anthologie mit dem ausführlichen Nachwort des Herausgebers zu beginnen, in dem er nicht nur auf die dritte Story der Sammlung, allerdings die Initial Zündung für das Genre eingeht, sondern die einzelnen Gruppen der zusammengestellten Storys noch einmal definiert.
Isaac Asimovs bitterböse Story „Was man so Liebe nennt“ ist auch in der Storysammlung „Sex im 21. Jahrhundert“ nachgedruckt worden. Vor allem nimmt sich Isaac Asimov genau den plakativen Zeichnungen der Pulpmagazine der dreißiger Jahre an und baut sie entsprechend um.
Mit viel Sinn für Humor parodiert der Amerikaner die Klischee aus Pulpmagazine. Nur aus der Perspektive der schleimigen pflanzenartigen Monstren, welche verzweifelt versuchen, den Menschen zu verstehen. Isaac Asimov legt die Finger in die Wunden der billigen Unterhaltungsliteratur und zeigt auf, wie schwer es für Außerirdische wirklich ist, die Menschen zu verstehen. Im Umkehrschluss hält der Autor natürlich auch seinen Lesern eine Art Eulenspiegel ins Gesicht. Die Satire wurde laut Thomas Landfinger von einem der indirekte betroffenen Magazine auf das Pulpgenre bestellt, während ausgerechnet im die Nase rümpfenden Playboy eine Reihe von Kurzgeschichten mit erotisch utopischen Inhalt in den sechziger Jahren publiziert worden sind. Diese Texte fehlen in Thomas Landfingers Anthologie und anscheinend auch in den Sammlungen der beiden Münchner Fandomlegenden, welche Originaltexte zur Verfügung gestellt haben.
Auch „Varga“ ist später in der angesprochenen Anthologie noch einmal veröffentlicht worden.
Die Menschen entdecken auf einem fremden Planeten eine tierähnliche Spezis, die wie gut gebaute menschliche Frauen aussehen. Auf der Erde müssen die Männer bis zu ihrem 30. Lebensjahr im Zölibat leben, so dass diese „Tiere“ begeistert aufgenommen werden. Sie sind genügsam bis devot, stellen keine Ansprüche und können in der Theorie auch jederzeit abgelegt werden. Der Plot setzt sich mit der Frage auseinander, was mit einem emotional unterentwickelten Menschen passieren kann, der sich in seine Vana verliebt. Eine gut geschriebene emotional überzeugende Geschichte mit nicht nur realistischen Protagonisten, sondern vor allem keiner abschließenden moralischen Botschaft.
Um diese beiden markanten Eckpfeiler hat der Herausgeber unter der Überschrift „Außerirdische Visionen“ Werke zusammengestellt, die sich vor allem mit den Beziehungen zwischen Mensch und Außerirdischen beschäftigen. James E. Gunns „Die gut gebauten Mädchen“ verrät dem kundigen Leser, aber weniger den naiven Protagonisten schnell die Pointe. Eine der Pointen, denn Gunn hat als Mann noch eine weitere Idee im Köcher. Humorvoll geschrieben wirkt sie deutlich weniger gealtert als zum Beispiel Damon Knights „Fachmann von Antares“, in dem eine junge Frau einem außerirdischen Facharbeiter verfällt, der ihrem gewalttätigen Mann beruflich unter die Arme greift.
Robert Silverberg ist ein Meister der Beziehungen. In „Braut einundneunzig“ – und hinsichtlich der Pointe auch zweiundneunzig – stellt er eine polygame Gesellschaft von Menschen und Mitgliedern verschiedener Rassen vor, die immer Eheverträge über sechs Monate abschließen. Als Sicherheit dienen Pfänder. Mann und Frau müssen sich dabei mit einigen Irrungen und Wirrungen auf die Kultur des jeweils Anderen einstellen. Silverberg und Gunn verbindet aber die Idee, das vor allem Männer von der Erde entweder im Dienst des Heimatplaneten oder eine andere Kultur kennen lernend auf ihre körperlichen Kosten kommen.
Im Nachwort geht Landfinger auf den chronologisch frühsten literarischen Fund „Mother“ von Philip Jose Farmer gesondert ein. Schon 1953 veröffentlicht gehört die Novellette zu seinen ersten das konservative Genre provozierenden Arbeiten. Der von seiner Mutter dominierte, sensible bis im Grunde nicht lebensfähige Opernsänger Eddie Fetts stürzt auf einer Expedition seiner Mutter auf einem fremden Planeten ab. Zusätzlich liebt er vor allem den Alkohol in seiner Thermosflasche, den er durch einen an einen Nippel erinnernden „Rüssel“ kontinuierlich heraussaugt. Auf dem Planeten gestrandet gerät Fetts wie Jonas der Wall in ein gigantisches fremdes Wesen, angelockt durch deren verführerischen Geruch. Diese zwischen den Berge lebenden Wesen sind alle weiblich, ihre Nachkommen halten sich quasi in den eigenen Körperkammern auf. Tiere und Wasser werden von außen aufgenommen, „gekocht“ und nahrhaft nicht nur den eigenen Nachkommen, sondern auch den Menschen vorgesetzt.
Freud hätte seine wahre Freude an dieser Geschichte. Absichtlich steigert Farmer nicht nur Fetts Mutterkomplex und seine Suche nach einem behaglichen Nest im gigantischen weiblichen Uterus, sondern zeigt auf, dass die Dominanz der Mutter aus Fetts einen Menschen gemacht hat, der in der Theorie nicht überlebensfähig, in der Praxis aber durch seine Urinstinkte besser zurecht kommt als seine Mutter. Bizarr, mit einem für Farmer so typisch exotischen, in diesem Fall auch erotischen Hintergrund, ist die Novelle kurzweilig zu lesen. Sie ist in einigen von Farmers Storysammlungen nachgedruckt worden.
„Das Leben ist auch nicht mehr, was es einmal war“ von Alfred Bester ist lange Zeit keine klassische erotische Geschichte. Nur dank des Epilogs könnte sie mit sehr viel Wohlwollen dazu gezählt werden. Sie reiht sich in die Post Doomsday Geschichten wie Richard Mathesons „Last Man on Earth“ oder eine Reihe von Filmen ein, in denen wenige Menschen in den menschleeren Städten versuchen, das bisschen Zivilisation aufrecht zu erhalten. Dabei treibt Alfred Bester es mit dem Verhalten seiner jungen Frau und dem Mann, dem sie begegnet, auf die kapitalistische Spitze. Sie hinterlassen oberhalb Schuldscheine für die Waren, die sie aus den Kaufhäusern New Yorks mitnehmen. Es gibt nur vage Hinweise auf den Auslöser der Katastrophe. Ein nuklearer Krieg ist es nicht, die Menschen sind einfach verschwunden, sonst könnten sie sich in den von Leichen übersäten Städten nicht bewegen. Die beiden Protagonisten sind vor allem für die Qualität Alfred Besters eher solide charakterisiert worden, ihre Handlungen nicht immer nachzuvollziehen und der Umgang dieser letzten Eva mit ihrem Adam ist auch distanziert und kompliziert. Die plötzlich Bedrohung ihrer Idylle mitten in der Stadt wird auch eher angedeutet, so dass die ganze Novelle nicht unbedingt unterhält, sondern eher wie aus Versatzstücken besserer Filme zusammengesetzt erscheint. Der Titel ist aber ironisch pointiert gewählt.
In einer der drei deutschen Geschichten, die extra für diese Anthologie geschrieben worden sind, nimmt Helmut Pesch in „Eden“ den Faden der letzten beiden Menschen wieder auf. Der Hintergrund mit den zahllosen Leichen als Opfer eines bakteriell geführten Krieges ist dunkler und die Protagonisten sind dreidimensionaler gezeichnet als bei Alfred Bester. Das Ende ist zynischer, aber als Ganzes wirkt die Story auch fragmentarisch.
Auch Ernst Vlceks „Das unbekannte Wesen“ könnte in diese Kategorie fallen. Die Frauen leben wie Amazonen auf ihren Burgen, die Männer in der Wildnis. Anscheinend kommt es immer wieder einmal zu Überfällen. Die Geschichte wird aus der fast naiv zu nennenden Perspektive einer Frau erzählt, die irgendwie einen Mann haben sollte, aber Angst vor dem Anderen hat. Solide geschrieben, aber stellenweise anfänglich angesichts des spärlichen Hintergrunds auch stark konstruiert.
Zu den besten Storys der Sammlung gehört Fritz Leibers „Der letzte Brief“. Ein Mann schickt einer jungen Frau einen per Hand geschriebenen Brief. Dieser Brief setzt die automatischen Mechanismen einer auf Oberflächlichkeit spezialisierten Menschheit komplett außer Kraft und sorgt für reines Chaos. Satirisch überspitzt extrapoliert Fritz Leiber augenzwinkernd damalige wie gegenwärtige Trends und erzeugt so im Leser das wollige Gefühl, das alles in der Zukunft höchstens steriler, aber nicht besser ist.
Auch Catherine Cliffs „Halsband und Leine“ ist eine wunderbar zynische Geschichte. Die Frauen leben bis zu ihrer zwangsweisen Verheiratung in Frauenhäusern. Danach bei ihren Männern, bis diese sie immer wieder in den Häusern für Verheiratete abgeben. Obwohl ihr Mann sie nett behandelt, ist die Protagonistin angesichts der Willenlosigkeit hinsichtlich ihrer Schicksals traurig, bis eine andere Frau ihre eine interessante Erklärung gibt. Im letzten Abschnitt wird das allerdings auch dem Titel der Geschichte folgend auf den Kopf gestellt.
Auch wenn der Leser die Fähigkeiten der Männer nicht richtig einordnen kann und der unter einem weiblichen Pseudonym schreibende Autor impliziert, dass es sich um Außerirdische handeln könnte, überzeugt die Story durch die subtile und facettenreiche Zeichnung der Protagonisten und dem entsprechend gut gestalteten Ende.
Viele der hier gesammelten Geschichten sind eher Miniaturen als ausgebaute Kurzgeschichten. Bei Frederik Pohls „Liebesspiel“ wird eine Welt gezeigt, die sich der Illusion der realen Liebe hingibt. Selbst der Direktor der mächtigen Firma will betrogen werden. Pointiert, satirisch, aber ohne die sarkastische Schärfe, welche die Kooperation mit Cyril Kornbluth so auszeichnete.
Oder J.G. Ballards „Technische Spielerei“. Im Grunde handelt es sich eher um eine Krimigeschichte mit einem nicht ganz unschuldigen Opfer, dem auf perfide und ausgefeilte Art und Weise sein „Betrug“ vor Ohren geführt wird. Intensiv geschrieben, surrealistisch zu Ende geführt, aber nur bedingt erotisch oder gar erotisierend.
„Totale Vereinigung“ von Alan Nourse folgt Robert Silverberg. In einer perfekten Zukunft werden die perfekten Paare nach eingehender Prüfung zusammengeführt. Auch wenn die beiden Menschen es auf den ersten und zweiten, aber nicht mehr den dritten Blick so empfinden. Der Anfang ist interessant, der mittlere Abschnitt ein wenig zu konstruiert und das Ende passend wie pragmatisch.
Der Herausgeber Thomas Landfinder selbst steuert mit „Die größte Liebe“ eine Zeitreisekurzgeschichte bei. Der Erzähler ist von einer jungen Frau namens Helen besessen. Er baut eine Zeitmaschine, um ihr nahe zu sein. Wie einige andere Zeitreisegeschichte versucht der Autor gar nicht das Paradox aufzuklären, sondern spielt auf den letzten überdrehten Seiten mit den Klischees dieses Subgenres, bevor er alles quasi im Wahnsinn auflöst. Was anfänglich eher bieder erscheint, wirkt nachher durch die Widersprüchlichkeiten deutlich interessanter und vor allem absichtlich verworrener.
Cordwainer Smith schließt mit einer Geschichte aus seinem „Instrumentalität“ Zyklus die Anthologie ab. „Rauschboot“ ist eine Adam und Eva Variante, allerdings nicht als die letzten Menschen auf der Erde oder im All. Sprachlich intensiv bis ermüdend schreibt Cordwainer Smith von der Reise Rambos nackt in einem besonderen Raumschiff durchs All zu seiner Elisabeth, deren Herz er nicht gleich erobern kann. Es ist erstaunlich, wie viele Ideen und Verwinkelungen der Autor in diese Novelle packt. Wer sich mit den Hintergründen der Instrumentalität und ihrer hierarchischen Struktur nicht auskennt, wird die Hintergründe oder einige der Figuren nicht erkennen können. Daher muss er sich auf diese perfekt geplante Romanze konzentrieren. Es ist eine für Cordwainer Smith so typische Geschichte, in welcher er seine nur auf den ersten Blick klar geordnete Welt immer wieder und immer weiter verdreht, bis gut nicht mehr böse und böse auch nicht mehr gut ist. Sprachlich stellen seine Arbeiten sowieso eine Herausforderung dar, welche der Leser unbefangen annehmen sollte.
Die Ausgabe des Bertelsmann Verlages hat die beiden Geschichten von Robert Sheckley „Das siebente Opfer“ und Vonneguts „Willkommen im Affenhaus“ nicht übernommen.
Ohne Frage dürfte Sheckleys nicht nur verfilmte, sondern vom Amerikaner mehrfach umgewandelte und ausgebaute Geschichte der Menschenjagd einer der populärsten Beiträge sein. In seiner Hochphase gehört Sheckley als greller Kontrast zu dem subtileren Fritz Leiber zu den Autoren, die gegenwärtige Exzesse karikierend in die Zukunft verlegt und als Illusionen oder noch schlimmer Lügengebilde entlarvt haben.
Aber noch eine zweite Geschichte dieser Anthologie ist verfilmt worden. Thomas Landfinder präsentiert mit Harlan Ellisons „Des Menschen bester Freund“ die ursprüngliche Fassung der berühmten Novelle „A Boy and His Dog“.
In dieser fiktiven Welt hat Kennedy das Attentat überlebt und die Forschung hat es ermöglicht, dass auf eine telepathische Art und Weise Hund und Mensch miteinander kommunizieren können. Die USA sind durch einen Bürgerkrieg verwüstet worden. Der erst 15 Jahre alte Vic durchstreift mit seinem Hund Blod diese Wüste, um Frauen aufzureißen, zu vergewaltigen und wahrscheinlich auch zu töten. Blood findet die Frauen. Im Gegenzug versorgt Vic seinen Freund mit Nahrung. Harlan Ellison zeichnet ein sehr dunkles Bild der Zukunft. Blood ist deutlich sympathischer als Vic. Der ist ein egozentrischer Opportunist, der einen solchen Begleiter im Grunde nicht verdient. Nur die Wendung auf den letzten Seiten macht die Geschichte ein wenig freundlicher. Die Verfilmung hat einige Aspekte der ursprünglichen Geschichte relativiert. Daher lohnt es sich, den zusammen mit Helmut Pesch realistisch eine Post Doomsday Gesellschaft beschreibenden Text entweder zum ersten Mal oder nach vielen Jahren erneut zu lesen.
Kurt Vonneguts „Willkommen im Affenhaus“ wäre auch heute noch provokativ. Der Protagonist vergewaltigt Frauen, um sie von ihrer Frigidität zu befreien. Grell, brutal, Reaktionen der Leser einfordernd entwickelt Vonnegut ein Ideenfeuerwerk, das hinter der diskussionswürdigen Prämisse in den Hintergrund tritt. Interessanterweise ist die Geschichte für die gekürzte Ausgabe „Sex im All“ im Gegensatz zu einigen anderen besseren Texten wieder aufgenommen worden.
Egal in welcher der drei Fassung ist „Liebe 2002“ vor allem für Anfang der siebziger Jahre in Deutschland eine bahnbrechende Anthologie, deren Inhalt wahrscheinlich weniger sexuell provozierend ist als es sich der Herausgeber vorstellen konnte. Qualitativ weisen die Texte von einigen der damals besten Kurzgeschichtenautoren des Genres ein sehr breites thematisches Spektrum auf und überzeugen selbst fast fünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung immer noch.
Deutscher Bücherbund Stuttgart
Hasrdcover 348 Seiten