„Unser Walter“ wäre nach dem Gedenkbands des „Terranischen Club Edens“ und Gustav Gaisbauers umfangreicher Arbeit der Dritte im Bunde gewesen. Wie im Vorwort darauf hingewiesen wird, hat Jörg Weigand ursprünglich für den EDFC mit dem Projekt begonnen, bevor er es unvollendet an Wolfgang Thadewald übergeben hat. Der Sammler arbeitete weiter an dem Projekt und wollte es als Fanzine mit dem TCE irgendwann um 2010 realisieren. Der Fanzinentwurf liegt vor und eine Veröffentlichung war für das Jahr 2013 geplant. Teile des Fanzines erschienen schließlich in der 89. Ausgabe des Clubmagazins „Paradise“.
Michael Haitel übernahm das Projekt schließlich und suchte mit Ulrich Blode einen kompetenten Mitherausgeber. In dieser Phase verstarb Wolfgang Thadewald am 01. Dezember 2014. Das Buch wurde 2015 fertiggestellt und Michael suchte einen geeigneten Zeitpunkt, um den Band zu veröffentlichten.
So erscheint zum 100. Geburtstag von Walter Ernsting diese Festschrift. In der Zwischenzeit ist mit Wolfgang Thadewald nicht nur einer der Herausgeber verstorben, sondern auch einige der Mitarbeiter. Der Kreis schließt sich mit dem humorvollen Beitrag Wolfgang Thadewalds, in dem er auf die „wilden“ Zeiten des Fandoms in Form einer Humoreske eingeht und viele Fans literarisch ehrt, die heute in Vergessenheit geraten sind.
Der „TCE“ ist nicht nur vom Pabelverlag, sondern auch vielen Fans für einen strittigen Beitrag in seiner Festschrift kritisiert worden. Auch bei „Unser Walter“ gibt es eine Reihe von Zwischentönen, die allerdings dieses Mal durch eigene Erfahrungen untermauert, welche Walter Ernsting nicht nur als beliebten Autoren und Fan darstellen, sondern zeigen, dass er sehr konsequent und teilweise auch ein wenig egoistisch seinen Weg vor allem auch hinsichtlich des von ihm gegründeten „Science Fiction Club Deutschland“ gegangen ist. Rainer Eisfeld ist in dieser Hinsicht herauszuheben, wobei er in seiner souveränen Art und Weise deutlich macht, dass Walter Ernsting geliebt oder vielleicht auch ein wenig „gehasst“ worden ist, aber viele Menschen direkt oder indirekt beeinflusste. Selbst die linke Opposition der siebziger Jahre um die „Science Fiction Tiimes“ kann in der stillen Kammer nicht verhehlen, dass Walter Ernsting mit seiner Pionierleistung, aber auch die Perry Rhodan Serie als stetiges Streitobjekt sie geprägt oder besser „immum“ gemacht haben.
Wie schwer es ist, Walter Ernstings Werk wirklich einzuordnen, zeigt Marcel Bieger. Schon der Versuch, eine eigenständige deutsche Science Fiction zu etablieren, ist vor allem in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg schwierig, als auch die amerikanische SF erst durch den britischen New Wave sich veränderte. Es geht vor allem um die Zeit, in welcher die Menschen gelebt und gearbeitet haben. Ohne dieses Korsett ist jegliche Argumentationsbasis die Quadratur des Kreises. Ronald M. Hahn geht sehr viel jovialer in seinem Beitrag mit Walter Ernsting um. Es spielt für ihn keine Rolle, ob Walter Ernsting nun ein Erneuer/ Erfinder der deutschen Science Fiction ist oder nicht. Er sieht alleine den Funken, der mit der Gründung des SFCD und eine Pflege des Fandoms auf viele Menschen wie auch Ronald M. Hahn übersprungen ist. Auch Uwe Luserke geht auf die Bedeutung vor allem der ersten Leserkontaktseite „Meteoriten“ ein.
Rainer Eisfeld und Thomas R. P. Mielke haben es leichter. Sie haben mit Walter Ernstging zusammengearbeitet oder sich auf verschiedenen Cons getroffen. Sie kennen dessen Stärken und wenige Schwächen. Aus einer altersweisen Distanz ordnen sich dessen Leben besser ein.
Marcel Bieger reißt sich zu einer flapsigen Bemerkung über „Der Tag, an dem die Götter starben“ hin, ohne zu bedenken, das Walter Ernsting sogar noch eine Variation veröffentlichte. Dieter Braeg unterminiert Marcel Biegers Argumentation mit einem Zitat aus einem Interview mit Walter Ernsting, in dem berechtigt oder verträumt der spätere Perry Rhodan Autor genau die Fragen aufgeworfen hat, die er in seinem Epos beantworten wollte und was er als Essenz seiner schriftstellerischen Leistung angesehen hat.
Hinzu kommen die persönlichen Erinnerungen eines Dieter Braeg, der mit den Zitaten aus einem unveröffentlichten „realistischen“ Roman über Walter Ernstings Griechenlandreise den Forschern neue Türen öffnet und vielleicht irgendwann einen letzten Walter Ernsting, aber nicht Clark Darlton Roman ans Tageslicht fördert.
Sowohl Uschi Zietsch wie auch Marianne Sydow mit ihren Beiträgen gehen auf das heirate feuchtfröhliche Leben vor, während und nach den Redaktionskonferenzen ein. Wie Walter Ernsting Menschen mit seiner besonderen Art inspiriert hat. Zyniker könnten nach der Lektüre auch davon sprechen, dass es entgegen des Zeitgeists wieder Alkohol auf den Konferenzen geben sollte, damit sich vielleicht mancher Zyklus entkrampfter präsentiert.
Viele Beiträge zeichnen die persönlichen Treffen und Besuche bei Walter aus. Dabei wird dem Skeptiker von Jörg Weigand ein exzellenter Braten serviert. Gert Zech spricht nicht nur über den Menschen, sondern auch die Benennung eines Kleinplaneten nach dem deutschen Science Fiction Pionier.
Elmar Wohlrath berichtet von den ersten Heftromankäufen am Kiosk. Viele können sich das damalige Leben vor allem auf dem Land nicht mehr vorstellen. Das man sich Mühe geben musste, um zum nächsten Kiosk zu kommen. Vor allem Frank G. Gerigk und Monika Niehaus gehen auf die Bedeutung Walter Ernsting aus einer sehr persönlichen Perspektive ein und schließen sich Helmut Ehls an, der aus der Ich- Perspektive über die „guten alten“ Zeiten schreiben kann. Diese vier kurzen, aber gewichtigen Beiträge stehen in einem guten Kontrast zu einigen sehr sachlichen Arbeiten der Sammlung.
Reinhard Habeck unterstüzt mit seinem prähistorischen Fund genau die Ideen, die Walter Ernsting aber sehr ernst genommen in seinem Roman „Der Tag, an dem die Götter starben“ präsentiert hat. Marianne Sydow unterstreicht, das Walter Ernsting anscheinend ein glühender Anhänger der Theorien von Dänikens gewesen ist.
Hermann Ibendorf beschreibt ein wenig umständlich, aber interessant einen Briefwechsel zwischen Walter Ernsting und dem Raketenfachmann Heinz Gartmann. Es ist ohne Frage ein unbekanntes Kapitel deutscher SF Geschichte, wobei Ernsting ja auch mit Oberth und Werner von Braun kommunizierte. Kritische Punkte wie die Ähnlichkeit einer Kurzgeschichte Gartmanns mit einer früheren Arbeiten van Vogts werden aber genauso nur gestreift wie auf dessen vier Science Fiction Romane nicht eingegangen worden ist. Dabei scheint sich Gartmann auf der einen Seite vom phantastischen Genre in den Briefwechseln zu distanzieren, als Propagierung der Eroberung des Alls ist ihm das Genre aber im Gegenzug liebt.
Die beiden literarischen Beiträge könnten trotz unterschiedlicher Ausgangslage eine Art Einheit bilden. Wolfgang Thadewald nimmt in „Nichts ist vollkommen. Eine Wolkengeschichten mit Aufheiterungen“ Bezug auf Inge Ranz, aber noch nicht ihren Beitrag „Mein Abend mit Onkel Walter“. Während Inge Ranz insgesamt sechzehn Clark Darlton Titel in ihrer heiteren Datumsgrenzengeschichte versteckt hat, baut Wolfgang Thadwald eine Vielzahl von längst verstorbenen Fans und Wegbegleitern, aber auch Kollegen und Vorgesetzten Walter Ernstings in seinen Text ein. Wolfgang Thadewalds Humoreske leidet zu Beginn ein wenig unter mangelndem Tempo. Erst ab der Mitte entwickelt sich die Geschichte bis zur Perry Rhodan Schule unglaublich rasant und die Integration unzähliger Namen nicht wegen ihrer Bekanntheit, sondern auch ihren Stärken und Schwächen bis zur Karikatur schreitet sehr viel eleganter voran. Aber im übertragenen Sinne muss die fiktive Inge Ranz dem erfahrenen Wolfgang Thadwald quasi zu Hilfe kommen, um die Geschichte abschließen.
In ihrer eigenen kleinen Entschuldungsarbeit für fehlende Hausaufgaben ausbalanciert die Autorin sehr viel geschickter Walter Ernstings Lebensgefühl in Kombination mit den Buchtiteln sowie vor allem der Konfrontation mit der sachlich nüchternen, wie langweiligen Alltagswelt. Die Dialoge sind spritzig und die Diskussion um die Datumsgrenze und das mehrfache Feiern von Geburtstagen, das Verschwinden von nicht nur Manuskripten, sondern auch Ehefrauen passt genau in Walter Ernstings farbenprächtig exotisches Werk.
Beide Geschichten zeichnen ein schönes, respektvolles und vor allem auch dreidimensionales Bild des Menschen Walter Ernstings, ohne sein Werk zu vernachlässigen. Inge Ranzs Beitrag ist der einzige Nachdruck dieser Anthologie, die Geschichte stammt aus den Jubiläumsband zu Walter Ernstings achtzigstem Geburtstag.
Neben den beiden Wikipedia Auszüge zu Walter Ernsting und Wolfgang Thadewald rundet vor allem eine Vielzahl von Bildern inklusiv einer Reihe von farbigen Titelbildern diese kleine Würdigung Walter Ernstings optisch ansprechend ab. Jörg Weigand, Wolfgang Thadewald und schließlich auch Ulrich Blode haben Walter Ernsting viel Respekt, aber keine ausschließlich devote Haltung gegenüber dem Menschen entgegengebracht und vielleicht wirkt deswegen dieses Bändchen auch eher wie ein Geburtstagständchen als ein weiterer, aber sehr verspäteter Gedächtnisband.
- Taschenbuch: 212 Seiten
- Verlag: p.machinery; Auflage: 1 (13. Juni 2020)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3957652022
- ISBN-13: 978-3957652027