„Die Stadt und die Sterne“ ist gleichzeitig Clarkes erster Roman und nach „Childhood´s End“ im Grunde das zweite Buch seiner Karriere, in dem er sich weiter von einem technokratischen Ansatz zu einem moralisierenden Philosophen entwickelte. Höhepunkt dieser literarischen Entwicklung ist wahrscheinlich die Kooperation mit Kubrick bei „2001“.
Die erste Fassung erschien als „Against the Fall of Night“ schon 1948 in „Startling Stories Magazine“, nachdem John W. Campbell das Buch für sein Magazin abgelehnt hatte. Interessant ist, dass Clarke im Grunde die gleichen Themen anspricht wie Isaac Asimov mit seiner progressiven „Foundation“ Trilogie.
Obwohl Arthur C. Clarke den Plot grundlegend, aber nicht im Groben überarbeitete, ließ er „Against the Fall of Night“ weiterhin im Druck, so dass beide Versionen im Grunde als Variationen des gleichen Grundthemas angesehen werden können.
Natürlich hat sich Clarke in den sieben Jahren zwischen der Erstveröffentlichung und der Neuausgabe als Autor weiterentwickelt und die neuere Version ist eleganter, schlanker, aber auch teilweise glatter. Der Versuch, mit den beiden Städten Diaspar und Lys zwei unterschiedliche Zivilisationen mit verschiedenen Intentionen gegenüber zu stellen, wird in der zweiten Fassung deutlich erweitert.
Auch wenn es vermessen erscheint, Arthur C. Clarke unter anderem mit Charles Dickens zu vergleichen, erinnern Teile dieses ausgesprochen kompakten und doch epochalen Epos an einige von dessen Arbeiten. Die schwächste Seite ist weiterhin die Charakterisierung. Viel mehr hat der Leser das unbestimmte Gefühl, als wolle Clarke keine abgerundeten Figuren entwickeln, sondern greif auf Chiffren zurück, die pragmatisch die Handlung vorantreiben, als im Grunde Mittler zum Leser dienen und immer wieder betonen, dass es nur einige wenige aufgeweckte Geister in einer im Grunde emotionslosen Masse gibt, deren kontinuierliches Vorwärtsstreben, deren Neugierde schließlich jeglichen Fortschritt egal von welchem Niveau ausgehend bedingt.
Der Brite versucht ein interessantes Experiment, das aber auch scheitern muss. Die Ausgangsbasis ist eine Stadt, die es auf der Erde anscheinend seit Äonen gibt. Sie ist immer wieder erweitert worden, aber sie beherbergt die Menschen, die letzten Menschen eben seit fast unvorstellbaren Zeiten. Die Menschheit ist zu den Sternen geflogen und hat diese zumindest angefangen zu erobern. Dabei sind sie auf Fremde getroffen, die den Menschen technologisch überlegen sind. Sie treiben diese zurück zur Erde. Es kommt zu einer eher faulen Vereinbarung. Wenn die Menschen die Erde nicht mehr verlassen, werden die Invasoren sie auch nicht vernichten. Daher haben sie sich auf wie später herauskommt nicht nur auf eine, sondern auf zwei Städte auf der Erde konzentriert.
Diaspar ist eine faszinierende Schöpfung. Eine Superstadt, in welcher die Einwohner am liebsten ihre Zeit in einem Vorläufer der virtuellen Realität verbringen. Die Menschen wollen die Stadt gar nicht mehr verlassen, da die Umgebung sowie unwirtlich ist. Aber es gibt anscheinend immer wieder junge Menschen, die anders sind. Bislang handelt es sich um dreizehn. In ihnen ist wie in einem genetischen Programm der Drang verankert, die Stadt zu verlassen und gegen alle Realitäten das „Nichts“ auf der Erde zu erkunden. Clarke beschreibt die Odyssee des vierzehnten besonderen Menschen. Aber ihn führt es nicht nur in die Nachbarstadt, sondern schließlich auch zu den Sternen. Der Goldmann Verlag hat den Roman vor vielen Jahren unter dem Titel „Die sieben Sonnen“ das erste Mal veröffentlicht. Diese sieben Sonnen spielen im letzten Drittel eine wichtige Rolle, wenn mittels eines aufgefundenen Raumschiffs, gestrandet und vergessen auf der Erde, ferne Welten und exotische Lebensformen gesucht und untersucht werden.
Dieser Aufbruch zu den Sternen nimmt dem Buch ein wenig so zeitloses Flair und verankert den Text wieder eher in den fünfziger Jahren. Vor allem auch die Idee der Invasoren, welche aufgrund der Entdeckungen und der Möglichkeit, die Erde wieder zu verlassen, zurückkommen und die Menschen töten könnten, wirkt ein wenig antiquiert.
Clarke behandelt das Thema auch ausgesprochen ambivalent. Auf der einen Seite scheint es sich um Mythen und Legenden zu handeln, auf der anderen sehr viel wichtigeren Seite gibt es aber historische Aufzeichnungen und Indikationen, dass die Menschheit um der kompletten Vernichtung zu entgehen tatsächlich diesen seltsamen Kompromiss eingegangen sind. Und die Fremden sind seit Äonen nicht mehr zurückgekommen, um es zu kontrollieren.
Viel interessanter ist die erste Hälfte des Buches inklusiv des Buches in der zweiten Zeit mittels eines komplizierten Rohrsystems, das ebenfalls wie andere technische Geräte seit Jahrtausenden nicht mehr verwandt und trotzdem funktionsfähig sind. Während die Hauptperson als heranwachsender Sonderkling eher eindimensional bis pragmatisch beschrieben worden ist und selbst die Liebesgeschichte bemüht wirkt, ist es Khedron, der Joker, welcher die Aufmerksamkeit der Leser von Beginn an fesselt. Es handelt sich um einen älteren Mann. Eine Art Radikal in der erdrückenden Ordnung der Stadt. Er soll Stagnation verhindern, wobei ihn die meisten Menschen auch nicht für voll nehmen.
Khedron ist ein herausfordernder, vor allem auch sehr unsympathischer Charakter. Die Dialoge sind manchmal voll unfreiwilligem Humor und die Andeutungen könnten in alle Richtungen gehen. Aber Khedron weiß über die inzwischen vierzehn freien Geister Bescheid und es scheint die Absicht der Stadt in Person Khedrons zu sein, sie auch wirklich über die Grenzen hinaus „fliegen“ zu lassen. Allerdings ist ihr nachhaltiger Einfluss ausgesprochen gering und niemand hat zumindest von den dreizehn Vorgängern jemals wieder etwas gehört. In dieser Hinsicht muss natürlich die vierzehnte Inkarnation anders sein. Mit einer Mischung aus Wissen und Intuition, aber auch einer sehr langen im Hintergrund geführten Leine schafft es der Protagonist zumindest für sich selbst, den Erfahrungshorizont drastisch zu erweitern und trotzdem irgendwie auch weiterhin naiv zu erscheinen.
Auch wenn er wirklich erschütternde Erkenntnisse erlangt, kann er sie in dieser riesigen Stadt mit durchweg zufriedenen glücklichen Menschen nicht umsetzen. Hier liegt vielleicht die größte Ironie des Buches. Clarke hat den letzten Menschen individuelle Unterschiede erschaffen, in denen sie friedlich leben können. Es gibt keinen Grund, diese Perfektion bis hin zur geplanten Fortpflanzung zu verlassen. Der radikale Impuls dieser vierzehn jungen Menschen erscheint notwendig, aber auch aufgesetzt zugleich. Am Ende könnte sich einiges ändern, aber der offene Epilog impliziert auch zugleich, dass die Angst der Strafe sehr viel erdrückender ist als die Möglichkeit, wieder frei den Planeten Erde zu verlassen. Es ist im Grunde ein Pyrrhussieg.
Auf dem Weg dahin hat Arthur C. Clarke vor allem für einen Roman der fünfziger Jahre eine interessante wundervoll zeitlose Stadt kreiert, über welche der Leser sehr viel mehr erfahren möchte, als ihm dieser kompakte, geradlinige geschriebene und durchaus spannende Roman gewähren möchte.
Von den frühen Arbeiten Clarkes ist „The City and the Stars“ wahrscheinlich der originellste und intellektuellste Text. Schöpfungstechnisch steht die Stadt Rama in nichts nach. Sie ist ein frühes Zeichen, dass Arthur C. Clarke sich mehr und mehr von seinen grundlegend technisch utopischen, auf der damaligen Technik gut extrapolierten Romanen weiterzuentwickeln suchte.
- Taschenbuch: 336 Seiten
- Verlag: Heyne Verlag; Auflage: Neuveröffentlichung (11. Juli 2011)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3453533976
- ISBN-13: 978-3453533974
- Originaltitel: The City and the Stars