Die Schleife

Peter Clines

In seinen bisherigen beiden im Heyne Verlag veröffentlichten modernen Thrillern mit unheimlichen Untertönen sowie wissenschaftlichen Erklärungen am Ende hat Peter Clines nicht selten das Format vor den Inhalt gestellt. Die Exposition ist ausgezeichnet, die Charaktere sind gut gezeichnet und die unheimlichen Ereignisse bauen gut aufeinander auf, bevor die nachgeschobenen  Erklärungen die Weltenschöpfung in Frage stellten.

 Im Original heißt „Die Schleife“ „Paradox Bound“. Es ist nicht nur ein wichtiger Aspekt des Plots, es ist auch der Name einer Kneipe nicht unbedingt am Ende der Welt, sondern einem kleinen verschlafenen Ort namens „Hourglass“, der zusammen mit zwei anderen Westernkneipen eine mannigfaltige Bedeutung haben kann.

 Der Klappentext trifft einen wichtigen Aspekt des Romans leider nicht. Es handelt sich nicht um einen wilden Ritt durch die Zeit. Der Protagonist Eli Teague spricht das Thema Zeitreise mehrfach an und wird immer wieder belehrt, dass er zusammen mit Harry alias Harriet in einem alten Model A Auto mit Wasserantrieb eben nicht durch die Zeit, sondern die amerikanische Geschichte vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis in die Mitte des 21. Jahrhunderts reist. Wirkt diese Erklärung schon verblüffend, so ist das Ziel der Suche Harriets, sowie sehr vieler anderer Menschen fast absurd und modern zugleich. Sie sucht in der amerikanischen Geschichte den amerikanischen Traum. Dieser ist auf eine seltsame Art und Weise real. Er wurde von besonderen Wesen geschmiedet. Er symbolisiert im Grunde die Einmaligkeit der amerikanischen Nation, die sich aus einer Kolonie ihre Freiheit erkämpft hat.

 Nicht nur Eli Teague hegt seine Zweifel. Auch für die Leser ist diese Prämisse anfänglich schwer zu verstehen. Peter Clines fügt sie im Vorbeiflug seiner rasant erzählten und sich bis ins letzte Drittel des Buches aber auch wenig bewegenden Geschichte hinzu. Bis dahin handelt es sich nicht nur auf den ersten Blick um eine Art Zeitreisegeschichte, in welche der Autor die gesichtslosen Männer – in einem Kapitel wird ein Sheriff zwangsweise rekrutiert – eben diese verlorenen Traum schützen sollten und jetzt die Menschen jagen, welche in Nicolas Cage Manier den fiktiven wie paradoxen National Treasury nachjagen.

 Zu Beginn begegnet Eli Teague Harriet dreimal. Als achtjähriger Junge, der in Sanders, Maine einer der langweiligsten Gegenden der USA  aufwächst. Es ist nicht der einzige Hinweis auf Stephen King, dessen „22/11/63“ vielleicht auf eine unbestimmte Art und Weise auch Pate zu diesem Buch gestanden haben könnte. Eli Tague fällt der ungewöhnliche Wagen und die Frau mit einem Dreispitzhut auf. Zumal das Fahrzeug auch noch mit Wasser läuft. Vier Jahre später – in seiner Zeit –trifft er Harriet noch einmal. Mit neunundzwanzig Jahren das dritte Mal. Harriet scheint genau wie ihr Wagen nicht zu altern.

 Harriet sagt ihm, dass sie in einigen Tagen in Boston den Quincy Markt aufsuchen will. Da ihr ein gesichtsloser Mann folgt, der Eli Teague auszuschalten sucht, beschließt er, ihr zu folgen und sie in Boston vor den Verfolgern zu warnen.

 Diese unterschiedlichen Begegnungen erinnern vom Aufbau her an eine comicartige Version des Buches „Die Frau des Zeitreisenden“. Nur mit umgekehrten Geschlechtern und mehr Action. Ab Boston müssen Harriet und Eli Teague widerwillig zusammenarbeiten, auch zusammen fliehen, da die Verfolger immer näher kommen. Dabei hat Harriet vor nicht allzu langer Zeit allerdings subjektiv gerechnet einen ihr lieben Partner an die gesichtslosen Männer verloren.

 Vieles wirkt in der ersten Hälfte des Buches vertraut.  In seinen anderen Thriller agierte der Autor origineller, spielte mit Stimmungen und legte bewusst falsche Fährten. Dieser Plot bietet dazu unzählige Möglichkeiten, aber zu Gunsten des eingangs erwähnten absurden Plots und zahlreichen Verfolgungsjagden durch die Geschichte verzichtet Peter Clines auf zu viel Atmosphäre.

 Zusammen mit Eli Teague lässt er die Leser in der angesprochenen Kneipe „Paradox Bound“ erst zu Atem kommen. Ab diesem Moment muss Peter Clines vor allem in Person Harriets auch liefern, wenn er seine surrealistische Phantasie zu einem konsequenten Roman formen möchte.

 Die Erklärungen sind nicht nur interessant, der Autor baut auch eine emotionale Atmosphäre inklusiv der Möglichkeit auf, sich selbst zu begegnen. Das Harriet dort eine Woche lang ihre Hochzeit gefeiert hat, gibt dem Buch eine süßsaure Note.

 Das große Problem ist, das Buch abzuschließen. Lange Zeit ist es erst die Suche nach dem amerikanischen Traum, anschließend die Flucht vor vielen Häschern und mittels einer Verzweifelungstat ein Angriff auf die Zentrale der Gesichtslosen. Harriet hat mit dem GEFALLEN noch einen Trumpf im Ärmel. Wie der amerikanische Traum symbolisiert der Gefallen das Erbe aus einer längst vergessenen Zeit, in welcher das gesprochene Wort gewichtiger gewesen ist als jeder Vertrag. Peter Clines spielt gerne mit diesen Symbolen und in seinem Nachwort geht er auf die besondere Bedeutung eines derartig grundlegend positiven Buches in Zeiten Trumps und den Auswirkungen der amerikanischen Wahl 2016 ein. Interessant ist, dass selbst die Gesichtslosen keine einfaltslosen Schurken sind, die vor allem Eli und Harriet wie die anderen Reisenden töten wollen. Das machen sie manchmal, aber auch die suchen den amerikanischen Traum, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden.

 Peter Clines beendet den Roman im Grunde cineastisch. Der Leser hat das unbestimmte Gefühl, als beginne er eher ein Drehbuch zu lesen. Dabei kommt es auf die Betonung an. Genauso wie der Zufall eine abschließende Rolle spielt. Es ist kein romantisches Happy End, aber es gibt dieser fiktiven USA die Möglichkeit, einige seiner Wunden heilen zu lassen. In welcher Form und im Grunde auch in welcher der zahllosen geschaffenen Parallelwelten bleibt offen.

 „Die Schleife“ ist ein kurzweilig zu lesendes Buch, das eher aufgrund der absonderlichen, aber auch interessanten Prämisse dem Leser im Gedächtnis bleibt als den ausgefeilten Charakteren. Sie sind wie in jedem Peter Clines Roman lebendig und auch sympathisch, aber selten verlassen sie die zweidimensionale Ebene, um wirklich zu leben. Zu wenige Ecken und Kanten finden sich an ihnen.

 Und wenn der Autor entsprechende Anspielungen auf das Attentat in Dallas oder den Tod von James Dean, Hinweise auf Star Trek oder andere historische Persönlichkeiten einbaut, dann macht er es um seiner Selbst willen als seinen Spannungsbogen tatsächlich näher an den Plot zu bringen. Damit verschenkt der Autor trotz des kontinuierlichen Augenzwinkerns sehr viel Potential. 

 Auf der negativen Seite reiht der Autor eine Reihe von Ideen, manchmal nur provokanten Implikationen aneinander, welche er nicht sauber genug ausarbeitet. Er ist ein positiv gesprochen Unterhaltungskünstler, aber leider kein Neil Gaiman, der wahrscheinlich auch dieser Prämisse einen weiteren Klassiker im Format von „American God“ erschaffen hätte. An einigen Stellen wünscht man sich ein wenig mehr Schärfe neben dem hohen Tempo. Immer wieder verfangen sich die Protagonisten in ihren Träumen, in ihrer Jagd nach im Grunde einer Art Bundeslade, mit welcher niemand tatsächlich etwas anfangen kann. Es scheint, als wenn der amerikanische Traum mehr und mehr zu einem MacGuffin wird, um durch die Geschichte zu reisen oder auch nur in den drei besonderen Kneipen in „Hourglass“ mit Freunden, Kameraden abzuhängen.    

 Vor allem wird „Die Schleife“ aber bisherige Leser Peter Clines überraschen. Es ist weniger eine intellektuelle Spielerei als eine spannende mystische Geschichte von einer USA; die es in dieser Form niemals gegeben hat und auch niemals geben wird. In mancherlei Hinsicht hat sich der Autor eher an „Zurück in die Zukunft“ mit seinen beiden Fortsetzungen orientiert als an dem phantastischen Stephen King, nicht dem Horrorautor. Kurzweilig originell ohne möglichst über die vielen „Widersprüche“ nachdenken und mit einem fast zu zuckersüßen Ende ist das Garn aber trotzdem.

Die Schleife: Roman

  • Taschenbuch: 528 Seiten
  • Verlag: Heyne Verlag; Auflage: Deutsche Erstausgabe (10. Juni 2019)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3453319737
  • ISBN-13: 978-3453319738
  • Originaltitel: Paradox Unbound