Zendegi

Greg Egan

Greg Egan gehörte mit seinen ersten Romanen – nur sein Debüt erschien nicht in Deutschland – bei den Verlagen  Bastei und Heyne zu den Lieblingen. Mit dem Erscheinen seines sechsten Buches flachte das Interesse der deutschen Verlage ab und kein weiteres Buch ist in Deutschland aus seiner Feder veröffentlicht worden. Sowohl in seiner Heimat Australien als auch Großbritannien hat Greg Egan eine weitere Handvoll Romane publiziert. Dabei ist „Zendegi“ aus dem Jahr 2010 wahrscheinlich das auf der einen Seite zugänglichste Buch seiner neuen Werke, aber auch gleichzeitig thematisch eine Art Klassiker in seinem speziellen Subgenre. Wie in fast allen seiner Texte geht es nicht nur um das Zwischenmenschliche in einer Welt, die nur einen Schritt von der nächsten Stufe, der künstlichen Intelligenz entfernt ist, sondern vor allem auch um die Frage, was uns „menschlich“ in einer im Grunde unmenschlichen Welt bleiben lässt.

„Zendegi“ ist ein Buch, dessen Ende der Leser spätestens ab der Mitte des Plot zu kennen glaubt. Aber auf den letzten Seiten fast in Nebensätzen ohne Pathos, aber voller Tragik stellt der Autor den Plot buchstäblich auf den Kopf und wirft zwei Handvoll gänzlich andere Fragen auf.

Wie ian McDonalds in der zweiten Welt spielende Bücher ist der Hintergrund faszinierend. Greg Egan spricht in seinem Nachwort von den Recherchen im Iran, der vor allem 2009 von einer zweiten kleinen und später erdrückten Revolutionswelle erschüttert worden ist. Auf dieser Basis hat er den größten Teil des Romans, der im Jahre 2027 spielt, hinsichtlich der politisch sozialen Ebene extrapoliert.  Auch wenn die Zeiten in der inzwischen sehr nahen Zukunft ruhiger erscheinen und der Totalitarismus nicht mehr so erdrückend erscheint, stoßen die einzelnen Protagonisten immer wieder an ihre moralischen Grenzen, wobei einige dieser Barrieren eher noch im Kopf verankert als von der Gesellschaft gelebt werden.

Während viele seiner exzentrischen früheren Hard Science Fiction Romane sind deutlicher fokussierter, während die phantastischen Ideen in Richtung Gedankenaufzeichnungen, künstliche Intelligenz und noch virtuelle Spielwelten im vorliegenden Roman in einen bereiteren, zugänglicheren Kontext eingefasst worden sind.

Der Roman ist in zwei relevante, aber umfangtechnisch auch unterschiedliche Abschnitte aufgeteilt.  Im ersten Teil trifft der welterfahrene Journalist Martin Seymour, 44 Jahre alt, im Iran ein, um nicht nur privat alle Brücken abzubrechen, sondern auch über die tumultartige politische Entwicklung im Jahre 2012 zu berichten. Als Greg Egan diesen Abschnitt geschrieben hat, grifft der Autor wie eingangs erwähnt auf die Unruhen des Jahres 2009 zurück und extrapolierte sie in die sehr nahe Zukunft. 

Interessant an dieser Eingangspassage ist, dass Seymour sich von seinen Schallplatten verabschieden muss und deren Inhalt zu archivieren sucht. Wie er auf die harte Tour lernt,  kommt es auf die Zwischentöne an.

Nasim Golestani ist mit ihrer Mutter aus dem Iran in die USA geflohen. Ihr Vater ist dort hingerichtet worden. Inzwischen arbeitet sie junge Frau am MIT an einem Projekt, mit dessen Hilfe das menschliche Bewusstsein als Vorstufe zu künstlicher Intelligenz aufgezeichnet werden kann.  Allerdings kommt sie mit ihren Forschungen nicht voran und die Mittel werden knapper.

In der Vorgeschichte geht Greg Egan nicht nur ausführlich auf die iranische Kultur und die politischen Exzesse in einem sich wandelnden und doch erstarrten Land ein. Mit sehr viel Einfühlungsvermögen und vor allem auch einem guten Instinkt als Autor erschafft er griffige dreidimensionale Charaktere, deren Leben sich immer unter ohne Romantik oder Kitsch kreuzen.      

Der zweite Teil der Geschichte spielt in den Jahren 2027/ 2028. Seymour ist im Iran geblieben, hat geheiratet und ist Vater geworden. Er betreibt einen kleinen Buchladen. Der kulturelle Wandel mit einer Verwestlichung  ist nicht mehr aufzuhalten. Hinsichtlich der politischen Situation und möglicher Krisen bleibt Greg Egan aber eher ambivalent und verzichtet auf dem wirklich realistisch entwickelten Hintergrund seines ersten Abschnitts.

Nasim ist mit ihrer Mutter in den Iran zurückgezogen. Sie arbeitet im politischen Amt, während Nasim an Zendegi arbeitet. Es handelt sich um eine Reihe von miteinander kombinierten Virtual Reality Programmen mit unterschiedlichen Simulationen.

Auch im zweiten Handlungsfaden lässt sich Greg Egan ein wenig Zeit, um das Szenario zu entwickeln. Es erscheint den Lesern weniger fremdartig als die chaotischen Szenen, die im Jahre 2012 spielen. Gleichzeitig entwickelt sich aber in diesem Abschnitt auch eine doppelte persönliche Tragödie.

Ein Ausweg könnte eine relative Unsterblichkeit in Form der Datenspeicherung und der Erschaffung von Avataren sein. Ohne auf die meisten Kleinigkeiten dieser technisch anspruchsvollen Konzeption einzugehen konzentriert sich Greg Egan auf die zwischenmenschlichen Aspekte und die Idee, Unsterblichkeit nicht als Allgemeingut zu sehen, sondern den Hinterbliebenen eine Art Ratgeber zur Seite zu stellen, an dem sie sich messen können. Dazu kommt die Idee,  das Gehirn quasi zu kartographieren und dann zu übertragen.

Im Grunde nimmt Greg Egan die Idee der virtuellen Spielegemeinschaften auf und versucht eine sinnvolle Komponente hinzuzufügen. Nasim ist der kreative Kopf hinter der Zengedi Welt. Die Exkurse nehmen in der zweiten Hälfte einen breiten, vielleicht sogar einen zu breiten Raum ein. Dabei bietet der Autor den Lesern im Grunde nicht viel oder gar nichts Neues an.

Wenn später nicht nur ein, sondern zwei relevante Themen in die Handlung einfließen und mit den Vertretern der künstlichen Avatare, Proxys genannt, eine weitere Gruppe auftritt, dann reicht der Handlungsbogen nicht mehr aus, um diese ambitionierten Ansätze adäquat abzuwickeln und einige Szenen bleiben in der Luft hängen. Das tragische Ende kommt aus dem Nichts heraus. Auch hier verweigert Greg Egan Antworten, sondern versucht den Plot wieder auf das zwischenmenschliche Element zu reduzieren. Ein Schritt, der angesichts der angedachten technischen Entwicklung, sogar zu spät kommt. 

 Ohne diese Kehrtwendung am Ende des Buches und vor allem die Erkenntnis, dass selbst weltoffene Menschen wie Martin über innere Scheuklappen verfügen und nicht zwischen den eigenen Ansichten und den Handlungen unterscheiden können, wäre der Roman zu einer Art Klischee geworden und hätte dem Thema virtuelle Realitäten als Ersatz der realen Gegenwart keine neuen Impulse schenken können. Da Greg Egan aber erfolgreich die Quadratur des Kreises vollzieht und vor allem Martin zu einer nicht unbedingt bitteren, aber hochkomplexen Erkenntnis kommen lässt, wirkt der Roman am Ende deutlich erwachsener und vielschichtiger als es der ein wenig zu lange und durch die  Spielszenen zu wenig bewegte, sondern eher statisch entwickelte Mittelteil andeuteten.

Mit den komplexen Charakteren, dem politisch wie soziologisch gut entwickelten Hintergrund und vor allem einigen sehr guten ambivalenten wie ambitionierten technischen Ansätzen überzeugt der Roman abschließend doch als Ganzes und lässt sich im Gegensatz zu den manchmal intellektuell ein wenig erdrückenden früheren Arbeiten Egans sehr gut lesen. 

Zendegi (English Edition)

  • Gebundene Ausgabe: 300 Seiten
  • Verlag: Night Shade Books (1. März 2010)
  • Sprache: Englisch
  • ISBN-10: 1597801747
  • ISBN-13: 978-1597801744