„Going Fast" ist die Neuauflage des unter dem Titel "Bewusstseinsspiele" im Heyne Verlag veröffentlichten ersten Romans Pat Cadigan. Es handelt sich auch um die erste deutsche E Book Präsentation. Das Buch mit einer Übersetzung von Alfons Winkelmann ist sorgfältig durchgesehen und behutsam modernisiert worden.
Das Buch ist 1987 gegen Ende der ersten "Cyberpunk" Welle erschienen. Dieses von Männern dominierte technikaffine wie auf in Leder gekleidete tödliche Asiatinnen stehende Subgenre gab der Science Fiction nach der New Wave einen neuen Schub. Auch wenn einige Vorhersagen wie eine Dominanz Japans und nicht Chinas nicht eingetroffen sind, haben die Bücher mit dem Internet; der Veränderung nicht nur der Medien, sondern des Verhaltens der Menschen in einem allgegenwärtigen Kommunikationsumfeld einige der gegenwärtigen Schrecken schon früh erkennt und nicht selten mit dem zynischen Unterton der "Hardboiled" Krimis extrapoliert.
Pat Cadigan trat in der zweiten Phase zwar nur ein Jahr noch William Gibsons bahnbrechenden "Neuromancer", aber inhaltlich eine intellektuelle Generation später auf die Bühne. Stilistisch sehr variabel mit der Fähigkeit, dreidimensionale Charaktere zu erschaffen und eine überzeugende Balance aus dem jeweiligen Hintergrund und der ablaufenden Handlung zu erschaffen wirkt ihr Werk zeitloser als Gibsons erste Romane. Auf der anderen Seite aber fehlt ihren Büchern die so faszinierende innere Schärfe, der kontinuierliche Tanz von gebrochenen Figuren auf der Rasierklinge im Folge von "Blade Runner".
Die Autorin überzeugt allerdings mit einem im Grunde improvisierten, aber trotzdem souverän erzählten Roman. Es ist die "Erfindung", welche schließlich die verschiedenen Ebenen zusammenführt. Dabei spielt die nicht selten tragische menschliche Komponente eine genauso wichtige Rolle wie eine soziologische Extrapolation der Grundidee in einer nur bedingt futuristisch angelegten Zukunft. Immer wieder springt die Autorin zwischen technischen Konzepten - auf eine verständliche Art und Weise vorgestellt - , emotionalen Veränderungen und darüber hinaus der mentalen Verfassung der Protagonistin hin und her. Nicht selten fehlen über die Technik hinaus die eingeenden Beschreibungen, Pat Cadigan vertraut lieber Stimmungen. Vor allem weil sie quasi auf zwei parallelen Handlungsebenen die unterschiedlichen Arten der Bestrafung in ihrer Zukunftswelt gut und differenziert gegenüberstellen kann. Keine der Beiden ist angenehm.
Allie und Wirehammer werden von den Behörden nach einer waghalsigen Aktion festgenommen. Ihre Wahl ist teilweise Löschung des eigenen Geists oder sich als „Mindplayer“ zu rehabilitieren. Wirehammer lässt sich Teile des Bewusstseins löschen, Allie nimmt den anderen Weg. So kann die Autoren zwischen die beiden Haupthandlungsfäden hin und her springen, die Unterschiede aufzeigen und doch zu einem erstaunlich gemeinsamen zynischen Ergebnis kommen.
Allie wird in ein besonderes Schulungsprogramm aufgenommen. Die Idee ist, dass sie mit ihrem ausgebildeten Geist in die Psyche von anderen Menschen eindringen und sie in der Theorie heilen kann. Das Risiko ist für sie, das sie sich in den anderen Psychen verliert und dabei Schaden an der eigenen Persönlichkeit nimmt. Pat Cadigan nimmt sich Zeit, die Risiken wie die Chancen gegenüber zu stellen. Auch wenn Allie anfänglich gegen ihren Willen handelt und auf den ersten Blick die für die Gesellschaft bessere Strafe nimmt, zeigt sich bald, das auch sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat. Je mehr Erfolge sie hat, umso mehr interessieren sich auch die natürlich nicht immer auf der Seite des Rechts agierenden Behörden für sie.
Wirehammer dagegen muss sich mit einem Teilgelöschten Bewusstsein auseinandersetzten. Aus zwei unterschiedlichen Perspektiven treffen sie auf die gleichen Probleme.
Pat Cadigan ist für diesen Roman für den Philip K. Dick Award vorgeschlagen worden. Thematisch passt es wie die Faust aufs Auge. Beide Autoren haben sich nicht nur mit dem kontinuierlichen Hinterfragen der Realität oder in einigen Büchern irgendeiner möglichen „Welt“ auseinandergesetzt, auf der intellektuellen Ebene suchten und untersuchten sie immer wieder die Idee einer Persönlichkeit, um nicht von einer Seele zu sprechen.
Hier stellt sich die Frage, in wie weit die Menschen noch sie selbst sind. Da wären die äußerlichen Entsprechungen mit den damals typischen Sonnenbrillen, heute wahrscheinlich durch Tatoos ersetzt. Punkfrisur als Ausdruck der Antiestablishmenthaltung und eine „no future“ Einstellung, wobei Pat Cadigan diesen Aspekt relativ schnell durch die Behörden in einer wenig demokratisch aufgebauten USA begradigen lässt.
Pat Cadigan stellt in den zahlreichen im Bewusstsein der Protagonisten – dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um „Opfer“ oder die Mindplayer als aggressive Täter bzw. Heiler handelt – spielenden Szenen klar, dass der Versuch, einen Unterschied zu machen, im Grunde auch nur subjektiv sein kann.
Die Grundidee ist einfach, wird durch die anfängliche Einzelgängerin Allie auch interessant dem Leser vermittelt. Die Verbindung zwischen den jeweils zwei Gehirnen erfolgt über chemische künstlich induzierte Prozesse. Entsprechende Drähte verbinden wie optischen Sinnesorgane. Dazu kommt die angesprochenen Eingriffe sowohl in die Erinnerungen wie auch die Persönlichkeitszentren. Pat Cadigan stellt diese großen „Schicksale“ immer in einen engen Zusammenhang mit kleinen persönlichen Katastrophen. Die Freundschaft/ Abhängigkeit zu Wirehammer ist ein roter Faden, der vor allem die Haupthandlung durchzieht.
Interessanter sind die Phasen, in denen Allie ausgebildet wird. Pat Cadigan fügt eine Reihe von überzeugenden Nebenfiguren hinzu wie das Opfer einer Bewusstseinsattacke McFly oder ihre nicht immer befriedigende Beziehung zu Jascha. Die Idee, direkt in das Bewusstsein des Partners einzudringen, kann für einige Menschen einen zusätzlichen Kick geben, für andere zurückhaltende Charaktere zu einem Alptraum werden. Pat Cadigan entwickelt so konsequent einige Ideen aus Philip K. Dicks Werk weiter. In der heutigen Zeit erscheinen diese fast antiquiert, aber wie Vernge Vinges „True Names“ das Internet im Grunde erfunden hat, muss der Leser bei diesem mehr als dreißig Jahren alten Roman nach den Wurzeln graben und von dort aus die interessanten Ideen extrapolieren als aus der Gegenwart in die Vergangenheit zu schauen und die auf diesen Romanen basierenden „Weiterentwicklungen“ als Basis zu nehmen. Inzwischen sind diese surrealistischen Innenwelten Bestandteil zu vieler Filme geworden.
Neben den emotionalen Aspekten des Buches ist es der Schreibstil. Die Paranoia stammt von Philip K. Dick, die pointierten Dialoge und die Exkurse immer wieder in der nicht kontinuierlich umgesetzten Ich- Perspektive könnten von Robert Sheckley stammen. Auch wenn der Leser immer wieder den Eindruck hat, als wenn diese virtuelle Welt irgendwie gekünstelt erscheint, schlägt Pat Cadigan an einer anderen Stelle einen tragischen Bogen und macht deutlich, wie wenig ein Leben wirklich wert ist.
Zu den teilweise negativen Aspekten gehört allerdings, dass Pat Cadigan offensichtlich eine Reihe von Kurzgeschichtenideen miteinander verbunden hat. Zu Beginn ist das weniger offensichtlich als während des Endes. Im mittleren Abschnitt mit den einzelnen Herausforderungen, den Mindplays, hilft die auf einzelnen Episoden aufbauende Struktur inklusiv der wechselnden Perspektiven sogar dem Buch.
„Going Fast“ ist trotz der angesprochenen Schwächen, der auf persönliche Katastrophen konzentrierten Handlung, der Suche nach dem emotionalen Mittelpunkt im Gegensatz zu vielen Büchern, welche gleich die ganze Welt oder mindestens das kranke System retten wollen auch heute noch ein lesenswerter Roman. Der Plot ist in einigen wichtigen Aspekten gealtert, aber trotzdem alleine als Basis vieler Filme und Geschichten handelt es sich um einen inzwischen Klassiker nicht nur des Cyberpunk Subgenres. Nicht umsonst ist „Mindplayers“ einer der Romane, die in die Reihe „SF Masterworks“ aufgenommen worden ist.