Die unheimliche Brücke

Georgia Wingade

Wer den „Gaslicht“ Roman „Die unheimliche Brücke“ von Georgia Wingade ohne weitere Kenntnis oder auch nur Lektüre des Klappentextes ersteht und liest, wird ohne Frage gänzlich andere Erwartungen an das Buch stellen und vielleicht sogar enttäuscht sein.

Wer die Hintergründe kennt, wird vor allem als Science Fiction Fan von diesem Abenteuergarn mindestens fasziniert sein. Georgia Wingade ist das Pseudonym von Jörg Weigand, dem ehemaligen ZDF Redakteur, Kurzgeschichtenautor und schließlich Herausgeber von zahlreichen phantastischen Anthologien. Wie er in seiner Monographie „Abenteuer Unterhaltung“ mehrfach betont, handelt es sich bei „Die unheimliche Brücke“ um seine erste eigene Arbeit in Romanform. Zusammen mit seiner Frau Karla Weigand hat er allerdings unter einem gemeinsame Pseudonym schon eine Reihe von „Gaslicht“ Frauenheftromanen verfasst. Das Titelbild mit der unheimlichen wie stimmungsvollen Brücken vor einer unwirtlichen, aber anscheinend europäischen Landschaft passt nicht zu der überwiegend in China mit einem Schwerpunkt in der Steppe Gobis spielenden Handlung. Im Markgräfer Land in der Nähe von Freiburg ist ein dortiger Bambuswald Mittelpunkt der Handlung, weit von diesem urwüchsigen wie archaischen Gebäude entfernt.

Und letztendlich handelt es sich nicht um eine romantische Gruselgeschichte, auch wenn am Ende die Liebe zumindest ein wenig siegt, sondern um einen Science Fiction Thriller, der neben Ideen aus „Jurrassic Park“ die Transporteridee von „Star Trek“ nutzt. Jörg Weigand ist vor allem als kompakt erzählender Kurzgeschichtenautor bekannt, dessen sachlicher und wahrscheinlich aufgrund seiner journalistischen Ausbildung eher distanzierter als emotionaler Stil mit einigen teilweise belehrenden Exkursen in verschiedene Nebenbereiche der Handlung für einen Roman nicht immer opportun ist. Nach den ersten dreißig bis vierzig Seiten mit einer Vielzahl von eröffneten ausgesprochen komplexen Handlungssträngen fragt sich der Leser, ob der Autor diese Verdichtung des Plots durchhalten kann. Nach den ersten einhundert Seiten löst er sich von der drangvollen Enge einer Kurzgeschichte oder eines Heftromans und rollt positiv die immer gut voneinander getrennten, aber trotzdem überschaubaren Handlungsbögen länger und nuancierter aus. Darunter leidet nicht die kontinuierlich aufgebaute Spannung, das Gegenteil ist der Fall. Der Plot beginnt zu atmen und selbst wenn einige Handlungsbögen ein wenig konstruiert enden – so fallen die Agentin Heike Wang und ihr amerikanischer omnipotenter Spezialagentenbegleiter einem wichtigen Teilbereich ihres Auftrages buchstäblich aus der Unterwelt auf die Füße -, hat Jörg Weigand augenzwinkernd die Textzeile übrig, dass sich die Protagonisten auch wundern dürfen.

 Die Grundidee ist ein wenig absurd und erinnert eher an eine schlechte Parodie auf das „Dinosaurier“ Genre, funktioniert aber dank Jörg Weigand ernsthaftem Erzählstil. In der Steppe Gobi werden aus Genmaterial Flugsaurier geklont, das fehlende Glied zur heutigen Vogelpopulation. Die armen Geschöpfe haben ständig Hunger und bevorzugen eine besondere Diät. Durch einen Zufall haben die Forscher erkannt, dass sie sich am liebsten von Mädchen ernähern. Nicht irgendwelchen jungen Frauen, sie müssen am besten mitteleuropäischer, sogar deutscher Herkunft sein.

Das Verschwinden der jungen Frauen wird durch eine zweite Idee, basierend auf den alten Schriften eines chinesischen Gelehrten ermöglicht. Eine Art Raumzeitbrücke eingebaut in das in der Nähe von Freiburg gelegenen Bambuswald transportiert diese Unschuldigen wie Unwissenden zeitlos direkt vor die Tore der Forschungseinrichtung, wo die ggfs. im Kälteschlag gelassen werden, bis die Saurier ihren Snack brauchen. Dabei stellt sich die Frage, wie viele Frauen wirklich plötzlich verschwinden müssen, um die anscheinend mehreren gelungenen bzw. unglücklichen Kreaturen am Leben zu erhalten. In einer späteren Szenen zeigen zumindest die nicht perfekten Kreaturen in ihren Käfigen auch Interesse am Fleisch unvorsichtiger chinesischer Forscher. Oder toben wie in den Monsterfilmen durch die Landschaft. Fast aus dem Nichts heraus haben sie ihre Nahrungsquellen erweitert, die ein chinesischer Wissenschaftler dem eher verblüfften Publikum mitteilt.

 

Wie eingangs erwähnt werden die einzelnen Romanteile vor allem durch zwei Liebesgeschichten miteinander verbunden, in einzelnen Abschnitten sogar zusammengehalten. Das letzte Opfer Marlies Böltie wird von ihrem älteren Schweizer Freund bis auf die andere Seite des Globus verfolgt. Neben den richtigen Beziehungen bei den Ministerien hilft ihm abschließend auch eine ordentliche Portion Glück inklusiv ein wenig Schmierstoff bei einem chinesischen Buchhändler, der ihm eine besondere Ausgabe von Maos Thesen verkauft.

Die Agentin Heike Wang trifft wie ebenfalls kurz erwähnt auf eine Art James Bond der amerikanischen Spezialbehörden. Ihre anfänglich von ein wenig gegenseitigen Misstrauen geprägte gemeinsame Odyssee durch das Reich der Mitte ist deutlich interessanter. Neben Flugerfahrungen mit einem besonderen Helikopter über den Entsatztunnel direkt aus Peking hinaus in die Steppe Gobi zu den ekligen Ritualen eines isoliert lebenden Stammes, die in der deutlichen Beschreibung ohne Frage der Realität entsprechen, aber eher in den italienischen Kannibalenfilmen der siebziger und achtziger Jahre Widerhall gefunden haben führt sie ihr Weg, in dessen Verlauf sie sich natürlich gegenseitig kennen und lieben lernen. Im Gegensatz zu James Bond sogar mit der bedingten Erlaubnis des „BND“, denn ab und zu kann Heike Wang auf ihrer ersten großen Auslandsmission Kontakt mit ihren Vorgesetzten aufnehmen.

 Jörg Weigand ist ein gelehriger Erzähler. Der sachliche und tempotechnisch manchmal ein wenig zu gleichartige Stil ist schon angesprochen worden. Daneben füllt er allerdings seinen Roman mit reichlich wissenswerten Exkursen. Sorgfältig recherchiert fügt er neben der plakativen Arbeit der Geheimdienste eine Reihe von Fakten und Informationen seinem Plot hinzu. An einigen Stellen kann er diese Einschübe gut in die Handlung integrieren. So gehört die Pfad durch den gigantischen, von den Behörden vernachlässigten Tunnel zu den besten Szenen des ganzen Romans, während an einigen anderen Stellen der kleine Lehrmeister mit dem Autoren durchgeht und er nicht unbedingt immer genau zum Handlungsverlauf passende zur Erweiterung von Szenen nutzt, welche diese gar nicht benötigen.

 Die einzelnen Charaktere sind irgendwo zwischen pragmatisch passend und dreidimensional sympathisch gezeichnet worden. Lange Zeit kann man ihre Aktionen, aber meistens nur Reaktionen auf das Geschehen ohne Probleme nachvollziehen. Erst gegen Ende des umfangreichen Romans überschlagen sich nicht nur die Ereignisse, vor allem agiert der Autor angesichts der langen sehr ausführlichen Exposition hektisch. Immer wieder ist neben der besonderen Nahrungsaufnahme der Flugsaurier die neuartige und für die Bevölkerung Panik auslösende Bedrohung durch diese fast unbesiegbaren Bestien beschworen worden. Und dann räumen die Helden wie in einem Trashfilme plötzlich mit entsprechenden „Wunderwaffen“ unter den Sauriern auf und können alles zum Guten wenden. Das wirkt nicht nur aus der Luft gegriffen, sondern unglaubwürdig.

 Schon die Idee des Raumzeittores als einer der alten Pläne aus den Schriften der Mönche setzte Jörg Weigand für seinen Handlungsbogen praktisch, aber nicht unbedingt überzeugend ein. So gibt es keine Erklärung, warum nur anscheinend eine Strecke aus dem Markgräfer Land ausgerechnet zur Dinosaurierforschungsstation frei geschaltet worden ist. Auch der Energieverbrauch hält sich in Grenzen. Mindestens ein akribischer Parteifunktionär hätte es seinen Vorgesetzten melden können, vielleicht sogar müssen. Mit einer effektiven Umsetzung dieser Idee hätte China ohne Probleme die Weltherrschaft übernommen, sich überwiegend von der Nutzung verschiedener Transporttechnologien freischwimmen und neue Wege beschreiten können. Selbst als Teil einer Forschungseinrichtung wird zu selten gewöhnlich mit dieser Vorrichtung umgegangen, so dass sich der Leser spätestens mit dem Eintreffen der Helden wie Heike Wang in China, aber auch der Kooperation mit dem amerikanischen Agenten fragt, warum diese revolutionäre Idee im Gegensatz zur pervertierten, aber nachvollziehbaren Klonforschung an Dinosauriern die Protagonisten nicht mehr überrascht oder schockiert.

 „Die unheimliche Brücke“ ist ein trotz der Schwächen ungewöhnlicher Science Fiction Roman, der versucht, zwei bekannte Ideen aus einer anderen, deutlich distanzierteren Perspektive zu erzählen. An keiner Stelle kann man das Buch als klassischen Frauenroman bezeichnen. Vor allem wird Jörg Weigand in seinen Beschreibungen mit fortschreitender Handlung immer brutaler und gegen Ende wie angesprochen Gewalt voyeuristischer, von Romantik keine Spur. Keinen dieser Punkt erwartet der Leser unbedingt in einer wildromantischen Jagd nach einem Geheimnis oder/ und der Suche nach der wahren Liebe. „Die unheimliche Brücke“ ist kein schlechter Roman, es ist keine uninteressante Geschichte mit einigen Ecken und Kanten, den angesprochenen Schwächen sowie einige interessanten Stärken, die ausgehend vom sachlichen Erzählstil; dem Absolutismus der indirekten Aussagen des Autoren und der verschiedenen gut recherchierten Fakten den Leser trotzdem über die ganze Länge in seinem Bann hält.         

von Georgia Wingade: Gaslicht - Die unheimliche Brücke

  • Taschenbuch: 384 Seiten
  • Verlag: Kelter Abo GmbH & Co. KG (13. Dezember 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3962770194
  • ISBN-13: 978-3962770198