Clifford D. Simaks "Heimat Erde" entstand zu Beginn der siebziger Jahre. Clifford D. Simak war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls fast siebzig Jahre alt. Auch wenn er noch mehr als eine Dekade teilweise herausragende Romane und Kurzgeschichten verfassen sollte, wirkt der Beginn des vorliegenden Buches wie eine Reflektion über den nicht unbedingt nahenden, aber zumindest unausweichlichen Tod. Die Grundidee ist faszinierend und die ersten dreißig Seiten gehören zu den intensivsten Szenen, welche der Autor in seiner langen Karriere verfasst hat. Dabei spielt der Amerikaner im Verlaufe der Handlung noch mit weiteren Facetten aus seinem umfangreichen Werk, aber der Blick in die ferne und doch irgendwie auch vertraute Zukunft gehört ja zu den Markenzeichen des Amerikaners.
Die Menschheit ist zu den Sternen aufgebrochen. Dabei haben sie die Erde buchstäblich zurückgelassen. Anscheinend hat sich die Bevölkerung geistig von ihrem Heimatplaneten verabschiedet. Manches erinnert an E.C. Tubbs "Earl Dumarest" Serie, wo die Erde auch schon zu einer Art Mythos geworden ist. Dabei sind vor allem die Primitiven auf der Erde zurückgeblieben. Simak versucht zu zeigen, dass in einer futuristischen Gesellschaft, die zu den Sternen reisen will, für die Engstirnigen und im Grunde "Dummen" kein Platz ist. Sie müssen automatisch in die Barbarei verfallen. Es ist einer der Aspekte, der neben dem Ende nicht sonderlich gut funktioniert.
Die Erde ist aber inzwischen aus einem anderen Grund wieder wichtig geworden. Einer der Großkonzerne hat sich entschlossen, aus der Erde einen gigantischen Friedhof zu machen. Auch in dieser Hinsicht bleibt der Autor ambivalent. Gegenüber seinem Protagonisten Fletcher Carson bleiben die Antworten vage. Der örtliche Vertreter spricht davon, dass Nordamerika rekultiviert und zu einer Ruhestätte für die Reichen umgebaut worden ist. Der rest der Erde soll noch Ödland sein. Bedenkt man, dass die Menschheit seit Jahrtausenden ins All aufgebrochen und viele Welten besiedelt hat, dann scheint Nordamerika nicht richtig zu reichen, um die vielen reichen Verstorbenen aufzunehmen. Die Grundidee ist faszinierend. Die Särge werden zur Erde transportiert, die Trauernden begleiten sie auf anderen Raumschiffen und zusätzlich gibt es wie oft bei Simak die kleine Gruppe der reliös Verklärten, welche zur Erde pilgern. Sie alle suchen den Grund und Boden auf, von dem sie zumindest indirekt abstammen. Die bizarre Idee wird mit dem notwendigen Ernst beschrieben und Simak hat ein sichtliches Vergnügen, mit den Erwartungen seiner Leser zu spielen.
Es ist auch nicht selten, denn sein "Held" ein intellektueller Künstler oder zumindest ein Einzelgänger ist. Während seine Überfigur Cushing in "A Heritage of Stars" im Grunde das Herz der lange untergegangenen Menschheit, ihre Sehnsüchte und schließlich auch den Platz gesucht hat, von dem sie aus zu den Sternen geflogen sind, kehrt der Musiker/ Komponist Fletcher Carson auf die Erde zurück. Er möchte auf der einen Seite die "Cemetary World" besuchen, auf der anderen Seite zusammen mit seinem Roboter das von ihm geschaffene Musikinstrument durch das Komponieren einer stimmigen Melodie zum Leben zu Erwecken.
Sowohl Cushing als auch Carson werden auf ihren im Grunde absurden Missionen von Robotern begleitet, die ursprünglich gänzlich andere Funktionen hatte. Simak hat ein Faible für die humanoiden Maschinen, die menschlicher erscheinen und humanistischer agieren als einige seiner Protagonisten aus Fleisch und Blut. Nicht selten scheinen sie die intellektuelle Gegenpositionen seiner Figuren einzunehmen. Sie zu beschützen, aber auch fast gegen den eigenen Willen zu leiten. Sie sind datentechnischer Mittler zwischen der Zukunft und der Gegenwart der Leser. Mit ihrer pragmatischen, zielstrebigen Art dienen sie aber manchmal auch als "Deus Ex Machina" Lösung, wenn Simak seine Figuren questtechnisch in eine Ecke geschrieben hat, aus denen sie alleine aufgrund ihrer Erfahrungen nicht herauskommen.
Interessant ist zusätzlich, dass diese Einzelgänger während ihrer Reisen immer junge Frauen kennenlernen, die nicht nur die emotionale Leere in ihnen füllen, sondern vor allem mit ihre rjewiels sehr pragmatischen bodenständigen Art die Schwächen ihrer zukünftigen Männer ausgleichen. In "Cemetary World" handelt es sich Cynthia Lansing. Während Cushing in "A Heritage of Stars" seine zukünftige Frau rettet, hat Cynthia Lansing einen Auftrag, der ein wenig mit Carsons ehemaligen Professor auch verknüpft ist. Vieles hängt mit der Vergangenheit der Erde zusammen.
Beide Arbeiten verbindet abschließend die Idee, dass die Menschheit sich mehr oder minder auf der einen Seite auf der Erde zurückbleibend selbst vernichtet hat, während ein Teil zu den Sternen gereist ist und sich dort aufgespalten hat. Simak hat sich immer wieder mit dieser Spielart der Postapokalypse beschäftigt. Ein Volk schafft es nicht, seinen intellektuellen Reifegrad zu festigen und das Potential zu heben, das in ihnen steckt. Stattdessen ist der Drang zur Selbstvernichtung, zu Kriegen und Morden größer als die geistige Stimulation eines kontinuierlichen und zielgerichteten Fortschritts. In einem Punkt unterschieden sich die beiden kurze Zeit hintereinander entstandenen Romanen allerdings. "A Heritage of Stars" spielt lange Zeit mit dem Gedanken, dass die Flüge ins Alls der Höhepunkt einer evolutionären Entwicklung gewesen sind, der nur ein Zerfall bis zur Degenration folgen kann. In den Schlusskapiteln erweitert Simak den Gedanken allerdings fatalistisch um die Unmöglichkeit eines solchen Vorhabens, das die wirtschaftlichen Kapazitäten auf der Erde gesprengt hätte. In "Cemetary World" ist die Idee einer Ausbreitung der Menschheit über viele bewohnbare Welten im All die einzige Prämisse, die funktioniert, um dann für die letzte Ruhestätte auf die Erde zurückzukehren. In "A Heritage of Stars" sind die meisten Überlebenden kaum in der Lage, das Bärenfall abzustreifen, während in "Cemetary World" eine große natürlich anfänglich auch skrupellose Firma aus dieser Beerdigungsodyssee den meisten Profit zu schlagen sucht.
Im mittleren Abschnitt des Romans versucht Simak dann eine Art Indiana Jones Geschichte mit Grabräubern und einer umfangreichen Schmuggelaktion zu etablieren. So wertvoll diese Artefakte auch sein mögen, angesichts der zahllosen hohen Kosten, welche die Besucher inklusiv der Bestattung ihrer Angehörigen bezahlen müssen, wirkt diese Idee im Grunde absurd. Als Monopolist können sie ihren Preis bestimmen und der Schmuggel nimmt diesem Konglomerat ein wenig von seiner bizarren mit dem Tod Geschäfte machenden Faszination. Dabei flackern immer wieder groteske Ideen auf, mit denen das Konglomerat auf der einen Seite Geld verdienen, auf der anderen Seite ihre Kunden effektiv und problemlos am Rand der Kriminalität betrügen kann. Anstatt diese Ideen auszuweiten, macht Simak den Fehler, in dem er die angesprochene Schmugglergeschichte neben einigen anderen Exkursen in den Vordergrund stellt.
Clifford D. Simak hat in seinen ersten Werken nicht selten verschiedene Ideen zusammengeworfen. Ein Musterbeispiel ist in dieser Hinsicht inklusiv der entsprechenden Liebesgeschichte der ebenfalls als E Book neu veröffentlichte Roman „Ingenieure des Kosmos“, seine erste längere Geschichte. Auch hier fügte er neben den guten wie bösen Außerirdischen noch die Idee einer Zeitreise hinzu. Grundlage aller Reaktionen ist bei „Cemetary World“ eine klassische Überlebensgeschichte. Carson und Lensing treten der „Cemetary World Corporation“ auf die Füße und decken relativ schnell wie einfach einige Geheimnisse hinter den entsprechenden Kulissen auf. Sie müssen in die Wildnis fliehen, werden unter anderem von den mechanischen Wächtern in Wolfsform gejagt und stoßen auf die primitiven Überlebenden der Menschheit, die abseits der gepflegten Anlagen darben.
Mit den Zeitreisen scheint er immer wieder an den Optimismus der Menschen appelieren zu wollen. Die Zukunft ist nicht in Stein gemeißelt und nicht selten bergen diese Reisen den Schlüssel für positive Änderungen in der Gegenwart, die natürlich im Umkehrschluss die Ausgangsreise in die Zukunft unnötig machen würden. Aber soweit denkt der Pragmatiker Simak nicht. Ihm geht es um die Manifestierung einzelner Positionen und Ansichten, an denen sich vor allem der Humanist Simak in der Gegenwart des menschlichen Selbstvernichtungsdrangs reibt.
Auch wenn der zweite Teil des Romans sehr mechanisch abläuft und viele der ein wenig belehrend angebrachten Erkenntnisse nicht unbedingt überraschend sind, sie verlaufen konguent mit Simaks umfangreichen anderem Oevre, ist es vor allem die Ausgangslage mit der Erde als gigantischem Friedhof, als letzte Ruhestätte inzwischen von Generationen von Menschen, die auf der Erde nicht geboren worden sind, die auch heute über vierzig Jahre nach Entstehen des Romans fesselt. Simak ist ein emotionaler, immer nahe am Pathos agierender humanistischer Autor. Daher ist es ein wenig enttäuschend, dass er diese großartige Idee nicht bis zum bitteren Ende in einer für ihn typisch warmherzig intellektuellen Art und Weise durchdacht hat. Das Tempo wirkt am Ende hektisch und die Balance droht verloren zu gehen, aber bis in die Mitte des Romans hinein entwickelt Simak einen einzigartigen Hintergrund, der alleine die Lektüre des Buches zum ersten Mal oder als Wiederentdeckung belohnt.