Fast dreißig Jahre lang veröffentlichte der Heyne- Verlag mit den besten Geschichten aus “Isaac Asimov´s Science Fiction Magazine“ eine qualitativ überdurchschnittliche Anthologiereihe, welche vielen Lesern eine Reihe von heute bekannten Science Fiction Autoren in der Frühphase ihrer Karriere vorstellen konnte. Die letzten Bände hat Friedel Wahren zusammengestellt. Die zugrunde liegenden Kurzgeschichten erschienen in den USA über einen Zeitraum von insgesamt fünf Jahren (1994,1995, 1998 und 1999). Im Vergleich zu den ebenfalls im Heyne- Verlag veröffentlichten Auswahlbänden des „The Magazine of Fantasy & Science Fiction“ fügten die Herausgeber auch Kurzgeschichten deutscher Autoren hinzu und konzentrierten sich mehr auf die Hard Science Fiction.
Mary Rosenblums “Die zweite Chance” ist eine fast klischeehafte Erstkontaktgeschichte mit
Anspielungen auf „Fräulein Smilas Gespür für Schnee“. Eine Ärztin wird zu einem entfernten Basislager im ewigen Eis gerufen, wo eine Wissenschaftlerin bei der Entdeckung einer offensichtlich von Außerirdischen hergestellten Kugel mehr als schwere körperliche Verletzungen erlitten hat. Der geradlinige Plot ist vorhersehbar bis zur bekannten Auflösung. Zumindest sind die einzelnen Figuren mit sehr viel Liebe zum Detail und dreidimensional sympathisch gezeichnet worden.
„Sternentod“ aus der Feder R. Garcia Y. Robertson ist eine kuriose Mischung aus einer sehr gut konzipierten Space Opera, einer sozialkritischen Studie und gegen Ende einer zu abrupt endenden Abenteuergeschichte inklusiv eines interstellaren Amazonenstammes. Seit vielen Jahrhunderten bedroht ein weißer Riese ein nahe gelegenes Sonnensystem. Die dort wohnenden Menschen haben die Gefahr so lange ignoriert, bis eine Evakuierung der meisten Menschen aufgrund der unterlichtschnellen zur Verfügung stehenden Raumschiffe nicht mehr möglich ist. In dieses Chaos will die attraktive Diplomaten Tanya Panic auf einer geheimen Mission eindringen. Sie soll nach einem sehr viel näher am weißen Riesen liegenden künstlichen Habitat suchen. Der Auftakt mit seinen nihilistischen, fast an den Cyberpunk erinnernden Anspielungen und den pointierten Dialogen ist sehr gut gelungen. Mit der Protagonistin hat der Autor eine Figur erschaffen, die auf der einen Seite entschlossen ist, ihre im Grunde verzweifelte Mission durchzuführen, während sie auf der anderen Seite allerdings auch voller Selbstzweifel ist. Mit dem Erreichen des Habitats – nach der Markierung durch Jugendbanden oder der Begegnung mit Sklaven suchenden Piraten – dreht sich die Geschichte. Interessanterweise wird der Piratenaspekt gegen Ende des Plots ausgeblendet, während der vom Autoren erschaffene Kosmos bizarrer, mehr an eine frühe Steampunkgeschichte erinnernd verändert wird. Trotz des vielleicht ein wenig zu stark konstruierten und eine Reihe von Problemen und die Frage, warum man über Jahrhunderte nicht doch ausreichend Menschen evakuieren konnte, ignorierenden Ende eine unterhaltsame Science Fiction Abenteuergeschichte mit hübschen Frauen und nicht ganz so starken Männern.
„Drachenzähne“ von Lois Tilton könnte im Grunde in jeder Nachkriegsnation der Erde spielen. Die Überlebenden müssen die Schrecken des Krieges in Form von verschiedenen intelligenten Mienen entsorgen. Es wird die Ausbildung eines Jungen beschrieben, den seine neuen Vorgesetzten des Rohstoffdiebstahls verdächtigen. Auf dem Mond ein Verbrechen, das drakonisch bestraft wird. Die Isolation der Mondkolonie nach der Auseinandersetzung mit der Erde verschärft die ökonomische Not. In einem ruhigen Tonfall ohne die für den Plot notwendige Dramatik erzählt Tilton von der Ausbildung und der schrecklichen grausamen Tatsache, das als Minenräumer jede Unachtsamkeit bestraft wird.
Unter groteske Satire lässt sich „Sag Wauwau!“ von Leslie What einordnen. Menschen schlüpfen in perfekte Tierkostüme und spielen ihren neuen Besitzern als Ganztagsjob den treuen Gefährten vor. Die neuen „Besitzer“ sind sich der Menschen in den Fellen durchaus bewusst, aber die Grenzen zwischen Glauben und Hoffnung erscheinen fließend. Immer am Rand der implizierten Perversität entlang schlitternd mit einer pragmatischen Protagonistin verzichtet der Autor auf phantastische Elemente und erzählt diese Wohlstandssatire sehr geradlinig.
Zu den emotionalsten Geschichten dieser Sammlung gehört „Echea“ von Kristine Kathryn Rusch. Wie „Drachenzähne“ – beide Texte handeln von kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Mond und den Folgen für die Zivilbevölkerung – funktioniert der grundlegende Plot auch ohne die Science Fiction Elemente. Eine begüterte Familie nimmt ein Waisenkind vom Mond auf. Die einzige Bezugsperson ist die neue Mutter, während die Diskrepanz zwischen dem verzweifelten Überleben auf der durch den Bürgerkrieg auf ein primitives Niveau zurückgefallenen Mondkolonie und der Erde unüberbrückbar erscheint. Es kommt eine tragische Note hinzu, welche „Echea“ so überzeugend macht. Vor allem zeichnet die Autorin ausgesprochen dreidimensionale Figuren, die in einer eher rudimentären und deswegen auch gut auf die Gegenwart übertragbaren Zukunft agieren oder besser reagieren. Vorurteile, Zweifel, die Furcht vor Verantwortung und schließlich eine zuckersüße und deswegen auch so gallig schmeckende Lösung harmonieren ausgezeichnet und unterstreichen nachhaltig, dass Kristine Kathryn Rusch neben ihren eher actionorientierten Romanen eine sehr talentierte Kurzgeschichtenautorin ist.
James Patrick Kellys „Denken wie ein Dinosaurier“ vermischt verschiedene Ideen. Äußerlich Dinosauriern ähnelnde Außerirdische werden immer wieder von Menschen besucht. Es erfolgt in Form eines Migrationsprozesses, den Kelly eher impliziert als expliziert beschreibt. Michael Burr ist einer dieser „Wächter“, welche den Prozess einleiten und vor allem überwachen. Vorsichtshalber stellt man eine genaue Kopie des Migranten her, die bei erfolgreichem Abschluss der Mission wieder vernichtet wird. Burrs moralisches Dilemma ist ein Transfer, der nicht erfolgreich abgewickelt werden konnte. In diesem Fall soll die Kopie „getötet“ werden, die Burr als menschlich ansieht. Kellys Zukunftswelt ist immer noch imperfekt, wie es seine menschlichen Protagonisten zu lassen. Er analysiert die moralischen Zweifel, die insbesondere routiniert arbeitende erfahrene Männer wie Burr befallen können. Er bietet keine Lösung an, sondern sediert mit fast sadistischer Bosheit die diversen Probleme. Anfänglich wirkt die Plotentwicklung überambitioniert und verspielt, aber im Verlaufe der Handlung wünscht sich der Leser mehr und mehr, niemals vor die gleiche Entscheidung gestellt zu werden.
Tom Purdoms „Das Forschungsprojekt“ fängt sehr gut an. Außerirdische dringen ins Sonnensystem ein und errichten auf dem Mars eine Basis. Sie können nicht verstehen, wie sich die Menschen als aggressive Rasse gegen sich selbst vor den Fremden fürchten und ihnen die Schreckenstaten zugestehen, die sie selbst alltäglich anrichten. Im Verlaufe des Plots verliert die Geschichte an Spannung und Purdoms zerpflückt den Plot mit verschiedenen unnötigen Erläuterungen, anstatt Taten sprechen zu lassen. Auf der emotionalen Seite gehört die Geschichte ohne Frage zu den Schwächsten der Sammlung. Zu distanziert wird ein gegen Ende wenig origineller Plot entwickelt, während die anfängliche Prämisse zu stiefmütterlich behandelt wird.
Michael Swanwick hat mehrfach bewiesen, das er aus altbekannten Science Fiction Plots starke Geschichte basteln kann. „Strahlentore“ kann das nicht unbedingt unterstreichen. Grausam entstellte Flüchtlinge werden aus der Zukunft quasi abgesetzt. Die Menschheit muss lernen, dass ihr Schicksal entweder vorbestimmt ist oder das sie sich wehren können. Eine schwere Entscheidung, welche die Figuren dank des offenen Endes des Story nicht fällen müssen. Swanwick ist ein guter Erzähler, der sein Publikum mit dem Auftakt provoziert, bevor er selbst erkennt, dass die Länge der Geschichte für den Plot nicht ausreichend ist. Als Novelle mit hintergründigeren Figuren und einer verschachtelteren, aber auch abgeschlossenen Handlung wäre „Strahlentore“ ein echter Gewinner gewesen. Die Zwischentöne kann der Amerikaner nicht wie sonst überzeugend herausarbeiten.
Als Science Fiction Autor aus Deutschland ist Holger Eckhardt mit zwei kurzen Texten vertreten. „Gottesbeweis Nummer sechzehn“ beschäftigt sich mit dem inzwischen interstellaren Sendungsbewusstsein der Kirche, während „Das elfte Halali“ sich dem inzwischen nicht mehr originellen Thema Menschenjagd mit einer durchaus erwähnenswerten Pointe annimmt. Im Vergleich zu den anderen Texten dieser Anthologie konzentriert sich Eckhardt mehr auf die Plotentwicklung und die entsprechenden Pointen, während die einzelnen Figuren ambivalent bis kaum charakterisiert worden sind und stilistisch die Storys deutlich distanzierter als die meisten anderen Geschichten dieser Sammlung erscheinen.
Auch wenn verschiedene Geschichten – zweimal Krieg auf dem Mond, zweimal die Verwandlung eines Menschen in Tiere bzw. irdischen Tieren ähnelnde Aliens – sich thematisch auf den ersten Blick gleichen, präsentiert sich diese vor mehr als fünfzehn Jahren veröffentlichte Sammlung von Geschichten aus „Isaac Asimov´s Science Fiction Magazine“ auf einem erstaunlich hohen Niveau. Weniger technische Verspieltheit, sondern emotionale, intensive Auseinandersetzungen mit den Menschen und ihren Schicksalen. Es empfiehlt sich, diesen unterschätzten Anthologien gebraucht über die diversen Plattformen zu erwerben und die vorliegende 53. Ausgabe ist ein Musterbeispiel für die Qualität des in den USA auch heute noch erscheinenden Magazins.
Heyne Taschenbuch
351 Seiten
1999 erschienen