Der Fürst der Skorpione

Marcus Hammerschmitt
Marcus Hammerschmitts Roman "Der Fürst der Skorpione" aus dem Jahr 2007 scheint für ein eher jugenldliches Publikum  entwickelt worden zu sein, mit der Dramaturgie und Härte könnte er aber auch in den normalen Sciencs Fiction Reihe der Verlage publiziert werden. Viele gute Ideen werden fast nur angerissen und hätten positiv gesprochen eine Extrapolation in längerer Form mehr als verdient. Auf der anderen Seite entwickelt Marcus Hammerschmitt konsequent und intensiv ein Szenario, das den bisherigen Entwicklungen der politischen Gegenwart so widerspricht. Im Mittelpunkt steht die fünfzehn Jahre alte Tabea. Sie ist Waise. Ihr wird ein Ersatzvater zur Seite gestellt.
 
Björn ist früher Soldat gewesen und im Krieg in Nordafrika gefallen. Die Technik mach es möglich, diese Toten wieder zu erwecken. Sie können nicht hundertprozentig schnell wie ihre Mitmenschen agieren, sind als Wiedererweckter gekennzeichnet und anscheinend werden sie auch entsorgt, wenn entweder ihr Zeit oder ihre Aufgabe abgelaufen ist. In dieser Hinsicht bleibt der Text erstaunlich ambivalent.
 
In den ersten fünfundzwanzig Prozent der Handlung entwickelt Hammerschmitt ein Szenario, das er im Laufe des Plots nicht nur konsequent, sondern vor allem auch sowohl politisch als auch räumlich erweitert. Es überrascht nicht, dass er einzelne Flanken auf dem Weg zu einem konsequenten wie für ein Jugendbuch auch eher fatalistischen Showdown wieder fallen lassen muss. Es ist eine eher diktatorisch aufgebaute europäische Gesellschaft, in welcher sich Tabea zurechtfinden muss. Die Regeln scheinen streng zu sein. Björn ist ihr unheimlich als Ersatzvater, während der ehemalige Soldat auch nicht viel mit einer Jugendlichen anfangen kann. Daher wirkt der Katalysator - Björn soll nach Ende seiner Aufgabe entsorgt werden - auch ein wenig konstruiert. Schon vorher hat Tabea von einer Untergrundorganisation gehört, welche mittels Elektrizität wie damals Frankenstein die lebenden Toten "heilen" und zum "Leben" erwecken kann. Dieser Gedanke zieht sich inklusiv eines zufälligen Experiments positiv durch den ganzen Roman, wird aber spätestens mit der Flucht aus Europa nicht mehr richtig aufgenommen.
Die Chemie zwischen Björn und Tabea wird von Marcus Hammerschmitt eher ambivalent beschrieben. Sie kommen miteinander aus, aber Zuneigung baut sich nur oberflächlich auf. Daher wird der noch in der Zukunft liegende Anlass der Abschaltung Björns auch ein wenig aufgesetzt. Sie fliehen nach Afrika. Dabei benutzen sie einen der gigantischen Züge, der direkt aus der neuen Kornkammer Europas - eben Afrika - Nahrungsmittel nach Norden bringt, andere Güter über eine gigantische Brücke zwischen Sizilien und Tunesien nach Süden verschifft. Diese Flucht auf den Zug ist einer der besten und abenteuerlichsten Passagen.
Eine Gruppe von Freeriders nimmt Björn und Tabea gefangen. Sie leben auf diesen gigantischen Zügen und wie Jack Londons Tramps in den berühmten Alaska Geschichten haben sie sich eine eigene Welt aufgebaut. Als dann auch noch ein Güterwagen mit sehr wertvollen Dingen, die pünktlich nach Afrika geliefert werden müssen, angekoppelt wird, wird ihre Flucht auf der einen Seite erleichtert, auf der anderen Seite aber auch erschwert. Marcus Hammerschmitt geht in die Details. Mit dem tödlichen Unfall eines der Freeriders oder den speziellen schmutzigen Decken, die gegen Entdeckung helfen; der Flucht in Nordafrika aus dem gescherten Güterbahnhof inklusiv der entsprechenden Schwierigkeiten und das Treffen mit den Rebellen, die Björn früher bekämpft hat, fügt sich nahtlos eine Idee an die nächste. Das Tempo ist in diesem Abschnitt ausgesprochen hoch.
Das Geschehen wird ausschließlich aus Tabea Perspektive beschrieben. Aber Marcus Hammerschmitt verzichtet auf die in diesem Fall auch nicht angebrachte Ich- Perspektive. Die wichtigsten Hintergründe werden Tabea stellvertretend für den Leser erläutert, an andere Informationen muss sie mit einer Mischung aus Zufall und Recherche selbst herankommen. Aber so entblättert sich vor allem in Afrika mehr und mehr eine exotische, aber auch durch die konsequente Fortführung einer archaischen Bräuche auch bekannte Welt.
 
Bei den Rebellen angekommen entschließt sich Björn, die Seite zu wechseln. Im Grunde bleibt ihm auch nichts Anderes übrig, denn im Laufe seiner Flucht hat er mehrere von seinen ehemaligen mittelbaren Kameraden effektiv umgebracht. Der Tod kommt in dieser Welt und sehr brutal. Aufgrund seiner militärischen Kenntnisse und seiner Erfahrung kann Björn schnell  zum Entsetzen von Tabea Karriere machen. Sie ist in einer unmenschlich gewordenen Zeit der vielleicht ein wenig naive, aber warme Mittelpunkt des Buches. Es ist erstaunlich, mit welchen effektiven wie brutalen Schachzügen Marcus Hammerschmitt im Grunde den Ersatzvater Tabeas davon kommen lässt. Wie zu Beginn des Buches bei einem beschriebenen Einsatz erweist sich Björn als Killermaschine, ausgebildet um zu töten. Das er dafür die Seiten gewechselt hat, spielt nicht einmal so sehr eine Rolle, sie sind im Grunde austauschbar.
 
Interessant ist der Hintergrund der Geschichte. Die Wüste ist fruchtbar geworden. Lange Streifen mit Kornfeldern ziehen sich schwer bewacht entlang der nordafrikanischen Küste. Die Tuaregs sind verdrängt worden, was sie sich nicht wirklich gefallen lassen wollen. Sie führen einen entsprechenden Krieg. Es ist aber nicht mehr stolze Tradition gegen europäische Technik, die Tuaregs sind dank eines "Genies" mindestens ebenbürtig. Es ist erstaunlich, was Marcus Hammerschmitt militärisch alles entwickelt . Da gibt es Buggys, die sich wie U Boote unter dem Sand bewegen können. Die Militärhubschrauber mit ihren automatischen Geschützen wirken dagegen banal. Auf der einen Seite haben die europäischen Truppen Käfer, welche anscheinend semiintelligent selbstständig ihre Ziele suchen und vernichten. Die Tuaregs kontern mit den Skorpionen, die vor allem technisch allen anderen Waffen überlegen sind. Da wird ordentlich vermient und in die Luft gesprengt, der finale Angriff auf eine besondere Schutzeinheit stellt die kleinen Gefechte in Schatten. Am Ende geht es aber um mehr als nur den Kampf um die fruchtbare Wüste. Anscheinend befindet sich dort auch eine Möglichkeit, die lebenden Toten in Massenproduktion wieder lebendig zu machen. Die Tuaregs träumen von einer endlosen Armee von Zombies, die immer wieder getötet und erweckt werden können. Wobei sich Marcus Hammerschmitt mit dieser bizarren Version in seinem Buch auf einem sehr schmalen Grat bewegt. Auf der einen Seite ist Björn das Musterbeispiel für einen Erweckten, der durch einen Zufall wieder zu einem funktionsfähigen Soldaten wird, dabei anscheinend seine emotionale Seite allerdings zur Seite schieben kann. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, warum beim Vorhandensein einer derartig perfekten Technik die Europäer sie nicht vorher eingesetzt und so ihre afrikanischen Truppen ins nicht unbedingt Unermeßliche, aber deutlich Spürbare verstärkt haben? 
 
Die Details gehen aber in dem hohen Tempo des Textes förmlich unter. Sie spielen auch eine untergeordnete Rolle, da Hammerschmitt eindeutig die Position der Araber einnimmt, deren Lebensraum gestohlen worden ist. Anscheinend hat die Befruchtung der Wüste in seinem Szenario keinen positiven Einfluss auf die Okönomie des arabischen Raums. Das die Tuaregs angesichts der Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit nicht besonders glücklich sind, kann der Leser verstehen. Aber politisch zeichnet Hammerschmitt seine Zukunftsversion eher mit einem breiten, provozierenden, aber nicht reflektierenden Pinsel. Kritisch könnte auch angesprochen werden, dass insbesondere in der zweiten Hälfte die einzelnen Versatzstücke zu schnell zusammenfallen und Tabea mit ihrer unfreiwilligen Kontaktaufnahme unter einem Felsen in der Wüste nur eine bedingte Bedrohung erschafft, die schnell wie kurzzeitig aus dieser Welt geschaffen wird. Auch ihre "Befreiung" ist zu praktisch als das sie auf den letzten Seiten noch wirklich für Spannung sorgt. Anstatt dann zumindest die Schattenseiten dieser frauenfeindlichen und teilweise primitiven Kultur nachhaltiger auszuarbeiten, entzieht sich der Autor dieser Aufgabe, in dem er sein Europa einfach noch brutaler und düsterer zeichnung. Vielleicht nicht immer der Beste, in diesem Buch auf jeden Fall aber der effektivste Weg.
Es sind Kleinigkeiten, die kritisierbar sind. Zusammengefasst ist "Der Fürst der Skorpione" unter anderem durch die Vielzahl der interessant gezeichneten Nebenfiguren, der wirklich utopischen Hintergründe sehr geschickt extrapoliert und den neuartigen Konflikten ausgetragen mit archaisch phantastischen Waffen ein von einem hohen Tempo gekennzeichnetes Abenteuer, das Tabea in eine neue Welt trägt.
  • Gebundene Ausgabe: 184 Seiten
  • Verlag: Sauerländer Düsseldorf (15. Juni 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3794170466
  • ISBN-13: 978-3794170463
  • Bildergebnis für hammerschmitt, der fürst der skorpione