In seinem Nachwort spricht bzw. schreibt Peter Cawdron auch über seine indirekte Inspiration „Das Marsianer“. Wie Andy Weir basiert seine Geschichte auf einer streng wissenschaftlichen, dem gegenwärtigen Stand der Technik entsprechenden Basis, wobei Cawdron auch deutlich macht, dass ein Überleben auf der Marsoberfläche wie in „Der Marsianer“ beschrieben vor allem auch durch die ungefilterten Strahlungen ein enormes bis tödliches Krebsrisiko umfasst.
Auch wenn die Grundidee – Überleben auf dem Mars ohne Unterstützung von der Erde – bei beiden Büchern gleich erscheint, gibt es Unterschiede. Peter Wir hat vor allem eine Robinsonade mit sehr viel Humor verfasst, während Peter Cawdron sich an einem Hightech Paranoia Thriller versucht hat. Beiden Autoren ist gemeinsam, dass sie vor allem den normalen Lesern ein technologisches Wunderland überzeugen präsentieren können und implizieren, dass man mit Einfallsreichtums, guten Allgemeinkenntnissen und ein wenig Glück auch in extremen Situationen überleben kann. Während „Der Marsianer“ auf sich alleine gestellt ist, verschiebt sich der Focus in Cawdrons Geschichte.
Der Ausgangspunkt ist perfekt gewählt. Auf dem Mars haben die Menschen in gemeinsamer internationaler Arbeit ein Habitat erschaffen, bestehend aus vier Modulen und einer überkuppelten Nabe. Insgesamt einhundertzwanzig Menschen leben und arbeiten dort. Eines Tages erfahren die Wissenschaftler, das auf der Erde ein taktischer Atomkrieg ausgebrochen ist. Verschiedene Städte sind zerstört worden. Die Mitglieder der einzelnen Nationen werden in ihren jeweiligen Module gerufen.
Der Plot wird fast ausschließlich aus der Perspektive Liz erzählt, deren Familie in einer der Städte lebt, die bei der ersten Angriffswelle ausgelöscht worden sind. Die Marsianer wären jetzt auf sich alleine gestellt und anscheinend ist auch die letzte Versorgungsrakete vom Kurs abgekommen, so dass keine echte Unterstützung mehr von der Erde zu erwarten ist.
Die Voraussetzungen der Wissenschaftler sind besser als bei „Der Marsianer“. Während dort nur eine Landung auf dem roten Planeten geplant worden ist, geht es hier um Langzeitprojekte auf dem Mars. Alles ist mindestens doppelt vorhanden und die technischen Voraussetzungen sind besser. Kein Grund für eine unmittelbare Panik, zumal anscheinend die Erde sich auch nicht komplett in die Luft gejagt hat, sondern es sich um punktuelle Schläge handelt. Liz verdeutlich das den Lesern in einfachen pragmatisch, vielleicht emotional distanziert gestalteten Sätzen. Natürlich haben die Forscher Angst um ihre Angehörigen, aber diese menschlichen Szenen finden sich zu selten und wenn eher im Prolog der Geschichte. Eine unmittelbare Gefahr basierend auf der Voraussetzungen besteht nicht.
Hier schließt sich aber die größte Schwäche des ganzen Romans an. Peter Cawdron muss Spannung erzeugen. Liz ist sein einziger Dreh- und Angelpunkt, aus ihrer Perspektive müssen sklavisch alle Ereignisse beschrieben werden. Sie muss nach draußen, um etwas zu überprüfen. Sie ist der wichtigste Ansprechpartner in der finalen Konfrontation und sie muss auch damit leben, dass ihr gegenwärtiger Freund und ihr früherer Liebhaber auf der Station Dienst haben.
Peter Cawdron versucht sich in ihre Psyche hineinzuversetzen und wie ein Metronom führt sie mit dem gleichen Tempo und wissenschaftlicher Distanz im Grunde fast jeden Aspekt der Handlung dem Leser vor Augen. Dabei wiederholen sich aber erstens zu viele Szenen und zweitens hat man an keiner Stelle ein Gefühl dafür, was sie wirklich empfindet. Sie agiert an vielen Stellen zu naiv, vielleicht zu menschlich. Auf der einen Seite soll Liz eine entsprechende Entschlossenheit zeigen, auf der anderen Seite nimmt sie ihre Umgebung und mögliche Gefahren gar nicht richtig wahr. Dadurch wirkt die Geschichte nicht nur extrem distanziert, sondern trotz des gewaltigen wie guten Plots auch gedehnt. Das ist sehr erstaunlich, da „Der Marsianer“ nicht einmal negativ gesprochen weniger Handlung auf mehr Seiten verteilt hat und trotzdem besser unterhalten konnte.
Immerhin steht Liz zwischen zwei Fronten. Wie alle Menschen auf dem Mars möchte sie überleben. Zusätzlich will und muss sie wissen, ob ihre Kollegen und Wissenschaftler zwischen dem gemeinsamen Leben/ Arbeiten auf dem Mars und ihrer Herkunft differenzieren können. Niemand weiß, wer den ersten Schlag auf der Erde geführt hat. Haben die Chinesen oder Russen oder Amerikaner noch Befehle erhalten, bevor die Atombomben explodierten? Ist der Krieg auf der Erde nur der erste Schritt und will eine der Nationen den totalen Sieg?
Allerdings macht Peter Cawdron den Fehler, neben der ein wenig nervigen und manchmal naiven Liz einen zweiten wichtigen Charakter zu etablieren. Es gibt keinen klassischen Antagonisten, was spannungstechnisch gut ist. Es gibt aber auch keinen einzigen weiteren Menschen an Bord der Marsstadion, der über rudimentäre Ansätze hinaus entwickelt worden ist. Vieles wirkt eher schematisch als pragmatisch und Peter Cawdron bricht in einigen emotionalen Szenen den konsequenten Handlungsaufbau urplötzlich wieder ab, um weitere Gedanken quasi zwischen zu schieben.
Aus dieser Prämisse hätte man einen klassischen Thriller vor einem Hard Science Hintergrund erschaffen können, zumal anscheinend auch eine Reihe von Fakten manipuliert worden sind. Der Verdacht könnte auf einzelne Gruppen fallen oder auch nur einzelne eingeschleuste Astronauten.
Stattdessen entwickelt Peter Cawdron einen schwierigen neuen Plotansatz. Er wirkt nicht nur sehr ambitioniert, vor allem auch ein wenig zu stark konstruiert. Andreas Brandhorst hat sich in einem seiner letzten Romane einer ähnlichen Idee angenommen. Ohne zu viele Hintergründe zu verraten macht Cawdron plötzlich den Fehler der Vermenschlichung. Anstatt wie bei seinem wissenschaftlichen Hintergrund gegenwärtige Entwicklungen weiter zu extrapolieren oder sich auf den Kriegsaspekt der Handlung zu konzentrieren, vermenschlicht er etwas, was anders sein sollte oder auch anders sein könnte. Dadurch werden einige Aspekte relativiert und der Plan inklusiv der Beseitigung der auf dem Mars lebenden Wissenschaftler nicht unbedingt als rein logische Extrapolation wirkt bemüht.
Vor allem weil die Handlung in aus zahlreichen Science Fiction Blockbuster bekannte Bereiche abdriftet anstatt eigene Ideen und Ansätze zu entwickeln. Mit den Hintergründen hat sich Pert Cawdron zu wenig beschäftigt und selbst wenn seine These möglich wäre, macht die Vorgehensweise absolut keinen Sinn, da im Zuge der Evolution immer nach außen gedrängt wird und hier am Ausgangspunkt selbst Millionen von Möglichkeiten verschenkt werden, um sich plötzlich in einer isolierten Einbahnstraßenumgebung wiederzufinden, aus welcher es im Grunde kein Entkommen gibt. Unabhängig von der Tatsache, dass der Antagonist auf dem Marsstation selbst so viele Möglichkeiten hätte, unauffälliger, konsequenter und intelligenter vorzugehen als er es macht. Alleine die Sauerstoffversorgung wäre ein klassisches Ziel. Aber Peter Cawdron sucht das Serienkillerprinzip und scheitert am einfachsten Spannungsaufbau fast kläglich.
Eine Frechheit ist dann allerdings, wie Peter Cawdron die Situation auflöst. Man muss es zweimal lesen, um wirklich zu glauben, dass der Autor es ernst meint und keine Parodie angestrebt hat.
Das neue Thema ist nicht uninteressant und die entsprechenden Aspekte eine Diskussionsgrundlage für eine weitere spannende Geschichte, aber entweder hat Peter Cawdron sein Buch zu sehr auf eine obligatorische Fortsetzung hin entwickelt und wird sich erst im zweiten Teil mit diesen Fragen beschäftigen. Daher wirkt das Ende des Buches nicht ambitioniert, sondern unentschlossen. Als wenn der Autor plötzlich mitten im Plot auf die Idee gekommen ist, eine andere Art Buch zu schreiben, um im Gegensatz zu „Der Marsianer“ die Massen an Action zu erfreuen anstatt ein intelligentes Szenario konsequent zu Ende zu entwickeln.
Es ist die abschließende Schwäche eines Buches, das mit einer sehr guten Idee beginnt, sie aber distanziert und eher mechanisch als überzeugend entwickelt und dann plötzlich aus dem Nichts heraus nach Erklärungen sucht, die zeigen, dass der Autor ein guter Wissenschaftler, aber ein schlechter Entwickler von Charakteren und vor allem hinsichtlich der Gesamtoriginalität seiner Geschichte noch viel lernen muss.
„Habitat“ als offensichtlicher Auftakt einer Trilogie oder möglicherweise Serie ist leider kein „Der Marsianer“. Es ist eine durchschnittliche, nicht unbedingt konsequent durchdachte Geschichte, die ihren roten Faden nach dem ersten Drittel der Handlung zu verlieren beginnt und schließlich in einem Finale gipfelt, das wirklich dumm bezeichnet werden muss.
- Taschenbuch: 352 Seiten
- Verlag: Heyne Verlag; Auflage: Deutsche Erstausgabe (14. Januar 2019)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 345331963X
- ISBN-13: 978-3453319639
- Originaltitel: Retrograde