Professor Moriarty: The Hound of the D'Urbervilles

Kim Newman

Die Geschichte muss umgeschrieben werden. Nicht zum ersten Mal, aber zumindest in Hinblick auf den Sherlock Holmes Kanon. Denn Sherlock Holmes und der Schurke und Professor Moriarty der Held, wie die aufgefundenen Notizen seines wichtigen Helfers – dem Doktor Watson der Unterwelt – beweisen, die in den Archiven der während der Finanzkrise zusammengebrochenen Schurkenbank Box gefunden worden sind.

In sieben Episoden – ursprünglich eigenständige Kurzgeschichten, die in verschiedenen Anthologien und Kurzgeschichten veröffentlicht worden sind – zeichnet Sebastian Moran seine Dienstjahre unter Professor Moriarty nach. Vieles wirkt aus Arthur Conan Doyles Kurzgeschichten und Romanen vertraut. Nur wie bei der berühmten Star Trek Folge “Mirror, Mirror” aus einem Spiegeluniversum hinüber in „unsere“ Realität gedrungen. Es ist das zweite Mal nach „Anno Dracula“, dass Moran aus der Feder Kim Newman neu ersteht. Zeitgleich mit der Buchveröffentlichung, aber deutlich nach den Kurzgeschichten ist mit „The Moriarty Papers“ aus der Pseudonymfeder   Colonel Sebastian Moran eine zweite Arbeit als eine Art Manifest erschienen.

Für Sherlock Holmes Fans ist die fiktive Zusammenarbeit zwischen Moriarty und seinem Abteilungsleiter für Auftragsmorde Moran auch ein Novum, denn in den Originalgeschichten sind Moriarty und Moran niemals zusammen aufgetreten. Moran erschien bei Holmes Rückkehr „The Adventure of the Empty House“ zum ersten und einzigen mal im Kanon.  Moriarty nur zweimal. In dem später veröffentlichten Roman „The Valley of Fear“ durchkreuzt Holmes Moriartys Mordkomplott, wobei sie sich nicht persönlich begegnen und natürlich in „The Adventures of the final Problem“ – früher veröffentlicht und später spielend – mit der einzigen, tragischen direkten Begegnung der beiden Genies an den Reichenbach Fällen. In fünf anderen Geschichten spricht Sherlock Holmes über seinen Erzfeind.

Über die sieben Geschichten entwirft Kim Newman seinen Professor Moriarty zu einem klassischen Gegenentwurf von Sherlock Holmes. Nur greift er nicht auf seine Beobachtungsfähigkeiten, sondern den Klatsch und Tratsch der Straße sowie einschlägige „Who is Who“ zurück, wie er Moran drastisch erläutert. Oder er arbeitet im Kopf an einer Studie über die Planetenbewegungen im Sonnensystem, die in „The Red Planet League“ fertig und anscheinend seit Jahren veröffentlicht ist.  Natürlich züchtet er Wespen als Antithese zu Holmes Bienen. Moriarty sieht sich als Wissenschaftler und weniger als klassischer Forscher. Wie Holmes ist es natürlich exzentrisch, im Gegensatz zu Holmes amoralisch. Beide lieben es, kleine Probleme zu lösen und dabei nicht immer den direkten Weg zu gehen, wie Moriarty als Schlag gegen seine Eitelkeit in der zweiten Geschichte „A shambles in Belgravia“ mit Irene Adler als „the bitch“ und nicht „the woman“ erkennen muss. 

Es ist allerdings auch schmaler Grad, auf dem sich Kim Newman bewegt. Auf der einen Seite verzichtet er auf Eigenständigkeit und Originalität, um möglichst nahe an den Kanongeschichten Doyles dran zu bleiben und sie doch zu verfremden. Auf der anderen Seite muss der Leser über diese absichtlich verfremdeten Ähnlichkeiten aus unterhalten werden. Der Auftakt „A Volume in Vermilion“ ist natürlich an „A Study in Scarlet“ angelehnt. Der Leser erfährt von Morans militärischer Vergangenheit – er wird von einem Raubtier verwundet und eher unehrenhaft nach Hause geschickt – und der Begegnung mit einem ehemaligen Freund, der ihn mit Professor Moriarty bekannt macht. Dieser sucht weniger einen Mitbewohner, denn einen Abteilungsleiter für Auftragsmorde. Moriarty haust über einem Bordell in der Conduit Street, das ihm gehörend von Mrs. Halifax als Alter Ego natürlich zu Mrs. Hudson betrieben wird. Ihre Fähigkeiten liegen nicht auf dem Gebiet der Koch- oder Backkunst.  Am Ende der Geschichte wird der Bogen nach einer sehr langen Einführung zu den Mormonen und zwei reicher Erbinnen geschlagen, die vor ihnen in Begleitung eines amerikanischen Revolverheldens namens Lassister – eine Hommage an Zane Grey und seine Pulpwestern – nach London geflohen sind. Wie so oft präsentiert Moriarty nach einigen Schusswechseln eine für ihn opportune Lösung, aber in erster Linie lebt diese Auftaktgeschichte von der in mehrfacher Hinsicht perfiden Verdrehung der „Geschichte“ denn inhaltlicher Spannung oder auch nur Logik. Dafür sind der Plot zu komprimiert, die Nebenfiguren zu eindimensional gezeichnet und die Auflösung zu abrupt. 

Sehr viel effektiver und ein kleines boshaftes Meisterwerk ist dagegen „A shambles in Belgravia“. Irene Adler möchte aus dem Tresor der Botschaft kompromittierende Fotos zurückhaben. Nicht um ihre Ehre zu wahren, sondern um die königliche Familie zu erpressen. Gegen einen fünfzigprozentigen Anteil an den erpressten Geldern sind Moriarty und Moran bereit, die Bilder zu stellen. Als Ablenkungsmanöver inszenieren sie aufwendig eine Kampagne, welche der heutigen Demonstrationen gegen Diktaturen entspricht und müssen am Ende erkennen, dass Irene Adler in doppelter Hinsicht schlauer als die beiden Männer gewesen ist. Pointierte Dialoge in Kombination mit einer humorlos überdrehten Handlung bestehend aus zielgerichteter, aber auf den zweiten Blick sinnlos überzogener Planung inklusiv einer gänzlich subversiv charakterisierten Irene Adler, die sich ihren Spitznamen „the bitch“ hart verdient, zeigen das Potential dieser „Spiegel Holmes“ Geschichten nachhaltig und intelligent auf. Der Hinweis, dass es sich um eine Art Prolog zu „Prisoner of Zenda“ handelt, wirkt allerdings überambitioniert.     

 Auch wenn der Bezug zu Doyles „The Red-Headed League“   vom Titel her bei „The Red Planet League” offensichtlich erscheint, ist die Geschichte in mehrfacher Hinsicht eine Hommage wie Parodie auf H.G. Wells und seinen berühmten „War of the Worlds“ Roman. H.G. Wells übernimmt dabei eine kleine Rolle als Verkäufer in einem kleinen Gemischtwarenladen. Anfänglich etabliert Moran in seinem fast arroganten Vorwort Moriartys Erzfeind. Wer jetzt an Sherlock Holmes denkt, wird mit dem Astronomen Stent – seinem ehemaligen Schüler – überrascht. Stent als Mitglied der königlich astronomischen Gesellschaft stammt aus „The War oft he Worlds“, wie auch das Kristallei  als Teil eines minutiösen, fast überdrehten Plots – Irene Adlers Vorwurf wiederholt sich, aber einfache Rache ist einfach nicht „schön“ genug für den Napoleon der Unterwelt – aus der gleichnamigen Kurzgeschichte ein Teil des Plots. Professor Moriarty selbst tritt in der Verkleidung des Mr. Caves auf, einer Figur aus dieser Kurzgeschichte.   Stent beleidigt seinen ehemaligen Lehrer und dessen voluminöses Werk „The Dynamics of an Asteroid“ – das fiktive Werk ist aus Doyles „The Valley of Fear“ übernommen - vor den Mitgliedern der königlich astronomischen Gesellschaft. Moriarty will seinen Konkurrenten aber nicht gleich töten, sondern mittels einer vielschichtigen Täuschung blamieren und dadurch gesellschaftlich vernichten.  Bis auf den verspielten Hinweis auf die roten Hutbedeckungen statt rothaarigen Männer hat die kurzweilig zu lesende Geschichte gar nichts mit dem Original zu tun. Der Plot ist wie schon angedeutet exzentrisch. Newman deutet an, dass es hinter Moriarty noch mit dem „Herrn der Tode“ eine Instanz gibt, die man nicht betrügen sollte. Zusätzlich geht es dem Erzschurken wie Holmes nicht immer ums Geld, sondern in diesem Fall um die Ehre. Persönlich gekränkt ist sein Plan so kompliziert wie genial, in dem er selbst Orson Welles Radioadaption hinzuzieht und auf B- Filme wie „Invaders from Mars“ – das Original aus den fünfziger Jahren – zurückgreift. Mit Stent verfügt Moriarty über einen arroganten jungen Schnösel, den der Autor durch dessen Tagebuchaufzeichnungen charakterisiert. Moriartys Triumph ist perfekt abgestimmt und wer insbesondere Wells Texte liebt, wird die vielen Querverweise und ihre perfekte Integration in den verzerrten Holmes/ Moriarty Kanon mit Bewunderung verfolgen. 

Natürlich ist die Titelgeschichte "The Hound of the Dùrbesvilles" eine moderne Interpretation des Klassikers "The Hound of the Baskervilles". Sie spielt in Thomas Hardys Wessex- daher stammt aus der Name sich auf „Tess of the d`Urbervilles“ beziehend und integriert einen weiteren Mann, der in Amerika durch die Nachbearbeitung von Gold - Kneipen, Prostituierte und so weiter - reich geworden ist. Auch den Legenden des Wilden Westens gibt es noch dreii Hinweise auf Tombstone. den von Paul Newman so überzeugend gespielten Judge Roy Bean und die Earps, um das Szenario abzuschließen. Der Plot folgt dem Original in der Grundkonzeption so sehr, dass Moran als Helfer wie Watson in die Einsamkeit des Familienschlosses geschickt wird, während Moriarty wie Holmes sich ein Versteck in der Nähe sucht, um im entscheidenden Moment einzugreifen. Der lange Rückblick auf die verworrene Familiengeschichte - sie reicht bis zur Eroberung Englands im Jahre 1066 - wird allerdings in einem sehr kompakten Rückblick erzählt. Kim Newman fügt dieser Novelle im Vergleich zu den anderen Texten wenige, vielleicht sogar zu wenige Nebenfiguren aus anderen bekannten Werken hinzu. Die handelnden Charaktere sind nicht weniger bizarr und der seinen Krückstock schwingende Alte könnte direkt aus Charles Dickens Romanen das Themseufer gewechselt haben. Im Vergleich zu Arthur Conan Doyle geht Kim Newman auch direkter vor. Moriartys und Morans Mission ist es, nicht das Geheimnis des Fluches der Baskervilles zu lösen, sondern den unheimlichen Hund zu töten. Der neureiche amerikanische "Baron" mit seinen illegal verdienten Geldern möchte den Landsitz sauber übernehmen, um wie ein moderner Investmentbanker die Profite zu optimieren. Erst während des Showdowns löst sich der Autor nach dem originellen Auftakt und dem fast sklavisch nach Doyle strukturierten Mittelteil von dieser sehr bekannten Vorlage und präsentiert einen fast überdrehten wie zynischen Plot, dessen Grunderkenntnis für den Leser ist, dass man mit Moriarty niemals feilschen sollte. Stilistisch ein wenig affektiert und teilweise übertrieben geschrieben kommt insbesondere im zu langen, zu schematischen Mittelteil nicht unbedingt die viktorianische Gruselstimmung auf, welche die Geschichte mit seinen zahllosen, qualitasiv sehr unterschiedlichen Adaptionen eigentlich verdient.    

„The Adventures of the six Maledictions“ bezieht sich natürlich auf „The Adventures of the six Napoleons“ mit starken Hinweisen auf Bram Stokers heute fast vergessenen Roman “The Jewel oft the Seven Stars“ sowie J. Milton Hayes „The green Eye oft the little yellow God“.  Von der Grundidee muss sich Moriartys zum wiederholten Male in dieser Sammlung den Vorwurf gefallen lassen, dass seine Pläne nicht unbedingt genial, aber überambitioniert sind. Vielleicht der größte Unterschied zu seinem Gegenspieler Holmes, der mit einfachen Mitteln und guter Beobachtungsgabe aus wenig viel macht. Moriarty soll nur einen Dieb und ehemaligen fragwürdigen Offizier des britischen Empire Humphrey Carew von dem Fluch und der Rache eines kleinen Kultistenklans aus Nepal schützen, denen er einen wertvollen Juwel gestohlen hat. Moriartys Taktik basierend auf angeblich mathematischer Überlegung und sehr viel Glück/ Zufall ist es, fünf weitere angeblich verfluchte Juwelen/ Gegenstände wie auch den Malteser Falken – ein Hinweis auf den berühmten Roman und Film – zu organisieren bzw. mit waghalsigen Aktionen wie in der Oper zu stehlen. Moran muss sich verkleiden und den einen Stein während der Aufführung der Bianca Castafiore stehlen. Trotz der Exzentrik und der innewohnenden Komik wirkt die Szene für einen Holmes/ Moriarty/ Moran Plot zu unglaubwürdig. Kim Newman nutzt die erste Hälfte des Textes, möglichst viele heute teilweise unbekannte Pulpschurken zu benennen und sporadisch einzusetzen. Der Austausch Verbrecher gegen Edelstein macht allerdings ebenso keinen Sinn wie die Idee, dass ein Vampirkult an Napoleons Schädel interessiert ist. Am Ende hat Moriarty aus welchen Gründen auch immer – einige der Gegenstände sind durch Tauschhandel erworben worden – verschiedene Verbrecherorganisationen gegen sich aufgebracht, die in der dümmsten Szene dieser Sammlung sich gegenseitig bekämpfen/töten, weil ihre wertvollen Artefakte in kleine gleich aussehende Kästchen versteckt von Moran nach dem Zufallsprinzip der sich versammelten Gruppe ausgehändigt worden sind. Durch diesen Dreh, der so nicht geplant sein kann, überlebt Moriarty. Es ist der letzte Punkt dieser enttäuschenden Geschichte, der keinen Sinn macht. Kim Newman klebt hier am nächsten an Sherlock Holmes. Dieser hat Fälle übernommen, weil sie ihn herausgefordert haben und nicht wegen der Bezahlung. Also setzt Moriarty mehrfach sein dunkles Imperium aufs Spiel, um sich zu rächen oder wie in diesem Fall einem anderen Gauner gegen Bezahlung zu helfen. Das Moriarty noch auf die katholische Kirche im wahrsten Sinne des Wortes einschlägt, rundet den Plot auch nicht mehr zynisch ab. Zu überdreht und doch zu wenig konstruktiv geplant erscheint „The Adventures of the Six Maledictions“  trotz Morans großartiger zynischer Kommentare und den exquisiten Gefahren, in die er gerät, zu oberflächlich und zu bemüht.        

Sehr viel besser ist „The greek Invertebrate“. Sherlock Holmes hat einen Bruder, James Moriarty natürlich zwei, welche den gleichen Vor- und Nachnamen wie er tragen. In einer der emotional besten Szenen dieser Sammlung erläutert der Professor am Ende dieser Geschichte die Hintergründe und seinen Frust gegenüber seinem Vater sowie dessen Maßstäben, welche die beiden älteren Brüder nicht erreichen könnten. Die beiden anderen Moriartys sind auch dreidimensional, exzentrisch und so anders wie die Hauptperson dieser Sammlung beschrieben, dass man ihnen ihre Lebensuntüchtigkeit förmlich ansieht. Die Grundidee ist eine Variation Variation von „The greek interpreter“ in Kombination mit Hardwicks Roman „Sherlock Holmes und die Spionin“. Ein gigantischer Wurm soll Cornwall terrorisieren. Natürlich handelt es sich in Hardwicks Roman nicht um das berühmte Loch Ness Monster und in dieser Kurzgeschichte nicht um einen urzeitlichen Wurm. Neben einem kleinen Hinweis auf Mycroft Holmes lebt die Geschichte in erster Linie von den pointierten und im Original doppeldeutigen Dialogen, sowie einer abenteuerlichen Handlung, die zumindest in ihrer actionorientierten Dynamik aus manchem Western stammen könnte.

„The Problem of the final Adventure“ hätte das Meisterwerk dieser Sammlung werden können. Aber nicht nur wie beim Fall der „six Maledictions“, auf den Moran sogar verweist, will es dieses Mal Kim Newman und weniger Moriarty perfekt machen und scheitert auf einem hohen Niveau. Ab der Mitte der Geschichte muss Newman den Bogen zum Original schlagen. Ein guter Autor hätte sich begnügt, die Ereignisse aus der Perspektive Morans zu beschreiben und Sherlock Holmes schließlich in Frieden ruhen lassen. Zum ersten Mal in dieser Sammlung werden wie bei Doyle mit Moriarty Dr. Watson als arroganter Schreiberling und Besserwisser sowie Sherlock Holmes erst als „the thin man“ – ein Hinweis auf eine andere, sehr populäre Filmreihe basierend auf Dashiell Hammets Roman aus den vierziger Jahre – und auf der letzten Seite mit seinem Namen erwähnt. Ebenfalls übernommen aus dem Kanon wird der Besuch Moriartys in der Baker Street. Moriarty dagegen behauptet, Sherlock Holmes mehrfach als Prellbock durch Mittelsmänner oder verkleidet engagiert zu haben. Damit schließt sich ein weiterer Bogen zum Kanon. Die Begegnung in der Schweiz folgt der Originalgeschichte. Nur findet sich Moran im Hotel von faszinierend schönen wie tödlichen Ladys umgeben. Irma Yep, die Tochter des chinesischen Triadenbosses – wahrscheinlich Fu Manchu -, die Prinzessin Zanoni, Alraune und schließlich natürlich auch Irene Adler haben sich eingefunden, um beim heraufdämmernden Tod eines Genies das letzte Geleit zu geben. Eine wunderschön geschriebene Szene voll ironischer Seitenhiebe und pointierten Dialoge, in welche dem überforderten Moran nicht helfend Doktor Watson hineinplatzt. Aber bis zu diesem emotionalen Ende ist es ein weiter Weg. So versammelt anfänglich Moriarty die größten Verbrechergenies verschiedener Zeiten wie Arsene Lupin, Doctor Nikola, Irma Yep, den Vampir von Paris, Arthur Raffles, Irene Adler und Dr. Mabuse. Er berichtet ihnen, dass die moderne Ermittlungstechnik inklusiv der Entdeckung der Fingerabdrücke ihrer Äre ein Ende setzen wird. Es ist eine wundervolle Rede, die wie in verschiedenen anderen Geschichten als Ausgangspunkt für einen komplizierten Plot genutzt wird. Den Moriarty möchte seinen Erzfeind vernichten, der in verschiedenen Masken schon in den vorangegangenen Geschichten erschienen sein könnte. In dieser Hinsicht ist Kim Newman ambivalent genug, um die Möglichkeit eines heraufdämmernden Wahnsinns in Betracht zu ziehen. Dieser Erzfeind ist nicht Sherlock Holmes, sondern Dr. Mabuse. Hier liegt die größte Schwäche des Buches begraben, denn Mabuses Zeit waren die paranoiden Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. In letzter Sekunde impliziert Kim Newman diese Möglichkeit, stellt aber heraus, dass der „Mabuse“ der zwanziger Jahre nicht mit dem viktorianischen Mabuse zu vergleichen ist. An entsprechenden Taten kann man diese Behauptung nicht ableiten. So konzipiert der Autor eine Art Dreiecksverhältnis, an dessen Ende die berühmte Szene an den Reichenbach Fällen steht. Sherlock Holmes jagt im Grunde weniger Dr. Moriarty, sondern den langen Schatten des passiven Mabuses.  Durch Querverweise auf die ursprüngliche Reise inklusiv zynischer Hinweise – laut Moran kann sich nur ein Verrückter wie Holmes oder besser „the thin Man“ zwei Tage in Brüssel aufhalten, jeder normale Engländer hätte die Stadt am gleichen Tag wieder verlassen – versucht Kim Newman Spannung aufzubauen. Leider fehlt dem Mittelteil die entsprechende Dynamik und der Leser geifert dem Ende entgegen. In der Hoffnung, neue Informationen zu erhalten. Das ist bis auf die Versammlung sehr attraktiver wie tödlicher Frauen, von denen nur Irene Adler mehr als ein Cameo Auftritt hat, in dem Hotel nicht der Fall, so dass „The Adventure of the final Problem“ nur in der ersten Hälfte eine interessante wie lesenswerte Spekulation ist, bevor der Plot zu sehr in die Fahrwasser der Originals zurückkehrt und den Gesetzmäßigkeiten nur aus der Perspektive Morans folgt.    

  Auch wenn Kim Newman am Ende seines Buches und den interessanten, unbedingt zu lesenden Fußnoten den Helden seiner Jugend Dank schuldet, orientiert sich diese eher sehr lose verbundene Kurzgeschichtensammlung eher im Geist von Philip Jose Farmers Shared Universe Romanen wie „Tarzan Alive“ oder „Doc Savage – his apocalyptic Life“ mit zahllosen, aber nicht unbedingt zwingenden Hinweisen auf Sherlock Holmes, dessen Geist spürbar ist. Allerdings wird der Meisterdetektiv in nur einer Geschichte „the final Problem“ zwangsweise indirekt und direkt erwähnt.  Für die Insider versucht Newman seinen Moriarty als einen Antiholmes zu etablieren, wobei er insbesondere in den ersten veröffentlichten Geschichten die Hommage an die Grenze der Glaubwürdigkeit treibt. Moriarty liebt es, seine Gegner in den Wahnsinn zu treiben und mit übertriebenen Verbrechen – die einfachen laufen im Hintergrund anscheinend trotzdem sehr lukrativ ab – an seinem zweiten Gesicht, seinem Unterweltruhm zu arbeiten. Er ist ein exzentrischer britischer Teetrinker mit einer Verachtung dem Adel gegenüber und dem Hang zur Selbstüberschätzung, wobei es im Gegensatz zum Holmes Kanon keine Geschichte gibt, in welcher Moriarty nicht eine Art Sieger ist. Es fehlen wie bei Doyles Holmes Geschichten die Episoden, in denen der Detektiv entweder den Täter nicht überführen konnte oder er zu Lasten der Gerechtigkeit sich entschieden hat, gestrafte Menschen nicht noch ins Gefängnis zu bringen. Konzentriert gelesen wirken die Exzesse dieses nicht immer im Mittelpunkt stehenden, aber jeweils mitentscheidenden Mannes teilweise trotz der inhaltlichen Variationen auch ein wenig stereotyp. Wie Moriarty kein Holmes ist, so ist Moran kein Doctor Watson. Es sind Morans Erinnerungen, die hier präsentiert werden. Auch wenn er seinen Vorgesetzten manchmal bewundert, dann wieder bei einer weiteren gefahrvollen Diebestour auch verflucht, so ist er kein Moriarty Jünger. In fast überzogenem Gossenslang niedergeschrieben mit bodenständig zynischen Kommentaren der hohen Dichtkunst gegenüber – eine lesenswerte, aber zu lange Passage in einer der Kurzgeschichten – bleibt Moran ein Auftragsmörder und Dieb, der sich unter dem langen Mantel Moriartys wohlfühlt, aber auf der anderen Seite allerdings auch alleine überleben kann. Newman möchte nicht, das Moran oder Moriarty im Gegensatz zu Holmes oder Watson dem Leser sympathisch sind. Das spielt keine Rolle. In dieser Hinsicht braucht er auch keine Kompromisse machen und seine beiden Verbrecher sind sich auch nicht schade, im letzten Augenblick jemanden förmlich hinzurichten, wenn es letztendlich der eigenen Sache dient.

Stilistisch orientiert sich Kim Newman eher an Doyle denn anderen Pulpschreibern wie Wilkie Collins, dessen „Moonstone“ zumindest angesprochen wird. Dadurch manipuliert der Brite auch geschickt seine Leser und stößt sie immer wieder auf die teilweise Sherlock Holmes Deduktionsgabe zu Ehren reichenden versteckten Hinweise. Mit sehr viel Sinn für die Details, mit einem Gespür für die viktorianische Atmosphäre, unzähligen aber unauffällig benutzten Querverweisen auf andere historische Figuren wie den britischen Offizier Flashman, der tatsächlich Moran in einem anderen Buch begegnete, und zwei Handvoll grotesker, teilweise überzeichneter, an Comics erinnernder, aber auch teilweise aus Doyles Werk stammender Nebenfiguren ist diese Sammlung trotz oder vielleicht sogar wegen der Hommage auch an Alan Moores Comicserie „The League of Extraordanary Gentlemen“  unabhängig von der unterschiedlichen Qualität der einzelnen Texte empfehlenswert.

 

·  Taschenbuch: 320 Seiten

·  Verlag: Titan Books (4. Oktober 2011)

·  Sprache: Englisch

·  ISBN-10: 0857682830

·  ISBN-13: 978-0857682833

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