
Nicht zuletzt mit seiner Nathan Heller Serie – im Prolog wird auf die Geschichte um die Entführung des Lindbergh Babys hingewiesen – hat Max Allan Collins eine sehr lesenswerte Reihe von klassischen Hardboiled Krimis geschrieben, in deren Mittelpunkt historische Persönlichkeiten stehen.
Mit der „Desaster“ Serie hat der Autor insgesamt sechs auf eine andere Art und Weise konzipierte Bände hinzugefügt, in deren Mittelpunkt eher historische Katastrophen oder mit „Peal Harbour“ geschichtliche Meilensteine stehen als Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens immer in Kombination mit einem Schriftsteller in der Rolle des Ermittlers. Überschneidungen aufgrund der historischen Ereignisse mit politischen Implikationen lassen sich nicht verhindern.
Die Serie mit “The Titanic Murders“ zu beginnen ist ambitioniert, zeigt aber auch die Qualität und Routine, die sich Max Allan Collins in den letzten Jahren angeschrieben hat. Aus der Gegenwart – das Wrack der „Titantic“ ist gefunden worden und wird inzwischen von Schatzsuchern geplündert – schaut der Autor über die Schulter einer Augenzeugin den Ermittlungen zu.
Zusätzlich weiß der Leser, dass der Hobbydetektiv Futrelle eine historische Figur gewesen ist. Zusammen mit seiner Frau überquert er den Atlantik. In Europa hat er die Rechte an seiner fiktiven Detektivfigur Professor Augustus S.F.X. „The Thinking Machine“ van Dusen an mehrere Verlage verkauft. Angeblich – diese Information ist reines Wunschdenken von Max Allan Collins – hat er mehrere bislang unveröffentlichte neue Geschichten in seinem Gepäck. Die über fünfzig Kurzgeschichten und Romane Futrelles des amerikanischen Sherlock Holmes sind auf beiden Seiten des Atlantiks so populär gewesen, dass Bruce Ismay den Futrelle ein Upgrade in die Erste Klasse besorgt in der Hoffnung, dass sie eine Kriminalgeschichte an Bord der TITANIC spielend schreiben.
Max Allan Collins lässt sich sehr viel Zeit mit der kriminaltechnischen Plotentwicklung, dank minutiöser, aber nicht langweiliger Beschreibungen nicht nur den Glanz des gigantischen Luxusliners zu beschreiben, sondern ohne auf die Katastrophe im Detail einzugehen weist er auf einige markante Schwächen wahrscheinlich auch hinsichtlich des zu selbst sicheren Kapitän Smiths hin. Das Buch beginnt mit der Beinahekollision mit der New York inklusiv dunklere Prophezeiungen.
Anschließend werden alle potentiell in Frage kommenden zukünftigen Mörder bis auf den eigentlichen Täter vorgestellt. Collins behandelt die Guggenheimer, die Familie Astor oder die Strauß mit einer Mischung aus Respekt in Kombination mit kontinuierlicher unterschwelliger Information der Leser. Die Futrelle sind angenehme Begleiter, so dass der außenstehende Betrachter auch ihrer bodenständigen, nicht versnoppten und so typisch amerikanischen Perspektive sowohl dem modernen Geldadel als auch dem alten England begegnen kann. An Bord befindet sich aber auch ein Erpresser, der selbst Futrelles dunkle Geheimnisse zu ahnen scheint. Man findet den Erpresser nackt und tot und seiner Kabine. Kapitän Smith bittet im Gegensatz zu Ismay Futrelle die Ermittlungen aufzunehmen und vorsichtig nach möglichen Verdächtigen zu schauen, da er den Ruf der TITANIC nicht beschädigen möchte. Es stellt sich schnell heraus, dass fast alle Mitglieder der illustren Gesellschaft von ihm erpresst worden sind. Während Futrelle bei den meisten Mitfahrern ihrer eher oberflächlichen und wenig wirklich dunklen Geheimnisse im Tausch gegen seine eigene Schwäche – ein Aufenthalt in der Psychatrie während des Krieges – erfahren kann, bleibt Ismay ihm verschlossen. Es ist schade, dass Collins verschiedene Thesen vom potentiell minderwertigen Stahl bis zur von Andrews als Stärke/ Schwäche angesehenen Konstruktion nicht angesprochen hat, während er immer wieder auf die dominierende TITANIC als prachtvolles Schiff eingeht. Kurze Zeit später wird Futrelles Komplize ebenfalls ermordet und seine Leiche in einem der Rettungsboote aufgefunden. Die Jagd nach dem Mörder nimmt genauso Fahrt auf wie die Jagd der TITANIC durch die Nacht.
Durch die zwei Leichen an Bord – sie werden gekühlt in den entsprechenden Kammern aufbewahrt – sucht Max Allan Collins nach einer Art Entschuldigung bzw. fiktiven Möglichkeit, um die kontinuierliche Beschleunigung des Schiffes zu erklären und die Absage der Rettungsbootübung am Sonntag zu erklären. Die beiden Morde sind natürlich miteinander verbunden und der Hinweis kommt eher durch einen Zufall aus der Dritten Klasse. Auch hier wirkt die nachträgliche Erklärung überzeugend, da eine Reisegruppe der ersten Klasse in letzter Sekunde sich umorientieren muss. Nachdem der erste Stein gefallen ist, gehen die Ermittlungen auch mittels einer Seance relativ schnell. Nicht selten ist aber der erste Verdacht nur ein Puzzlestück in einem größeren Bild. Spannungstechnisch kann diese Erkenntnis wenige Stunden vor dem Untergang nur geplant erscheinen, da Futrelle nicht mehr ausreichend Zeit gehabt hat, um seine Frau als Berichterstatter gegenüber dem Leser zu informieren. Das Buch schließt nicht mit dem Untergang des eigentlichen Schiffes, sondern in dem Moment, in dem sich Frau Futrelle historisch korrekt von ihrem an Bord zurückbleibenden Mann verabschieden muss. Selten lagen Triumph und Tragödie so nahe beieinander. Und damit wäre der wichtigste Teil des vorliegenden Krimis inhaltlich auch mit der TITANIC untergegangen, so dass der Bogenschlag ausgesprochen hilflos erscheint. Bei den folgenden Romanen umschifft Max Allan Collins diese strukturellen Schwächen sehr viel überzeugender.
Beginnend mit den Futrelle hat Max Allan Collins einen dreidimensionalen Schnitt durch die Hochfinanz gezogen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Der Antisemitismus der elitären Reisenden wird deutsche Leser ein wenig einschüchtern, entspricht aber dem Zeitgeist. Auch der junge Astor mit seinen zahlreichen Patenten ist nicht immer wohl gesonnen. Dazu kommt der frivole Guggenheim mit seiner jungen und schwangeren Geliebten. Da helfen auch nicht die vielen sozialen Projekte, bei denen sie sich engagieren und die während der Ermittlungen/ Interviews zumindest einen roten Faden in die falsche Richtung ausbilden. Das ältere Ehepaar Strauß – unsterblich gemacht nicht nur in James Camerons „Titantic“, sondern vor allem auch in dem schon während des Dritten Reichs entstandenem Propagandafilm „Titanic“ und der Walter Lord Adaption – leidet unter dieser gesellschaftlichen Ächtung, die Futrelle mit seinem jovialen und Vertrauenserweckenden Auftritt durchbricht. Max Allan Collins gelingt es sehr gut, die positive Chemie zwischen den beiden sich liebenden und neckenden Ehepartnern und gemeinschaftlichen Autoren heraus zu arbeiten. Mehr als einmal lenkt sie entweder die Ehepartner mit Smalltalk ab oder öffnet ihrem Mann die entsprechenden Türen. Max Allan Collins pointierte Dialoge – der Leser weiß ja, dass fast alle Männer den Untergang nicht überleben werden – hinterlassen ein melancholisches Gefühl im Betrachter. Vor allem im Dialoglastigen aber nicht unspannenden Mittelteil wird das Geschehen mehr und mehr auf ein Stillleben, das Abbild einer zum Untergang verdammten Klasse reduziert. Collins baut sogar den Hinweis auf einen Autoren ein, der ausgerechnet mit einem schlechten Gefühl an Bord des Schiffes gegangen ist, weil er eine fiktive Geschichte über einen Ozeanriesen geschrieben hat, der mit einem Eisberg kollidierte.
Zusätzlich zu den dreidimensionalen und faszinierenden Charakteren – manche Autoren mit ihren „Titanic“- Bücher könnten sich eine Scheibe von Max Allan Collins abschneiden – ist es der minutiös recherchierte, zum Teil im Vergleich zur Länge des Romans obsessive Hintergrund des Plots, der fasziniert. Die dekadente Lebensweise auf diesem gigantischen Luxusliner wird teilweise bis zum Exzess der 11 Gänge Menüs exerziert. Vielleicht wünscht man dieser Welt sogar ein wenig den Untergang und der natürlich schmierig schleimige Erpresser könnte als eine Art Vorbote interpretiert werden. Es sind eher die kleinen Skandale, aus denen er im Notfall eine kleine Ärgernisbezahlung als Profit zu schlagen sucht. Vielleicht ist er deswegen auch greifbarer als die Reichen, die sie ihre eigene „Welt“ innerhalb des Mikrokosmos des Luxusliners erschaffen haben.
Zusammengefasst ist „The Titanic Murders“ ein solider Krimi, der seine Spannung aus dem interessanten und effektiven Zusammenspiel historischer Ereignisse und damals lebender Persönlichkeiten zieht, wobei hinsichtlich der Details Max Allan Collins den Bogen durch den Missbrauch zweier realer Menschen, deren Spuren sich nach dem Untergang des Schiffes wahrscheinlich in den Tiefen des Atlantiks verlieren, auch überspannt hat.
- Taschenbuch: 288 Seiten
- Verlag: Thomas & Mercer (11. Dezember 2012)
- Sprache: Englisch
- ISBN-10: 1612185185
- ISBN-13: 978-1612185187