Low

Low, Remender, Rezension Thomas Harbach
Rick Remender

 Mit "Low" liegt der erste von bislang zwei in den USA veröffentlichten Trade Paperbacks auf deutsch vor. Es ist ein ungewöhnliches Projekt für den "Splitter" Verlag. In den USA erscheint die Serie weiterhin fortlaufend - Heft Nummer acht ist im Oktober 2015 publiziert worden - im Verlag Image.  Autor Rick Remender hat nach seinen Wurzeln im animierten Film inzwischen ein Heim in den Comicserien verschiedener amerikanischer Verlage von Image, Dark Horse bis Marvel gefunden. Splitter hat bislang als Oneshot schon seine Zusammenarbeit mit Greg Tocchini  "The Last Days of American Crime" veröffentlicht. In seinem sehr ehrlichen Vorwort geht Rick Remender auf die Ideen ein, die in die aus heutiger Sicht auch ein wenig an "Interstellar" unter Wasser erinnernde Geschichte eingeflossen sind. Zum einen ein dystopischer Science Fiction Plot mit einer unmittelbaren Bedrohung der Reste der Menschheit durch eine relativ schnell explodierende Sonne. Spätestens mit dem vierten Abenteuer fügt sich nahtlos die Idee hinzu, dass die Menschen unter Wasser ihre extrem begrenzten Lebensräume im Grunde selbst zerstört haben und unabhängig von der Sonnenerruption fatalistisch ihrem Untergang entgegegen gehen, während sie Orgien feiern. Zum anderen aber die faszinierende Idee eines Protagonisten, der unabhängig von allen Schicksalsschlägen realistisch optimistisch bleibt. Der fast verzweifelt von der Angst des Aufgebens getrieben nicht zurückblicken kann oder will. Ungewöhnlich ist, dass es sich um eine attraktive, aber nicht mehr ganz jugendliche Heldin handelt. Anscheinend hat die Arbeit an dieser Reihe für Rick Remender nach den vielen dunklen, nihilistischen Texten auch eine selbstreinigende Wirkung gehabt, die mit einigen positiven Lebensumstellungen einhergeht. Auch wenn insbesondere der Auftaktband diese dunkle Zukunftswelt eher pragmatisch streift und zwischen realistischer Science Fiction und archaisch technokratischem Superheldencomic hin und her schwankt, zieht die stringente, aber teilweise mit zehn Jahren Unterschied spielende Handlung den Leser kontinuierlich in seinen Bann. 

 Im Sammelband „Stadt ohne Hoffnung“ spielen Autor und Zeichner mit verschiedenen Ideen. Klassische dunkle Science Fiction und impliziert Superheldengeschichten in „Iron Man“ Tradition, die Familienbande konträr gegen die „Verpflichtungen“ der Gesellschaft gesetzt und schließlich auch noch dunkle realistische Töne, die plötzlich in grelle Farben überwechseln und durch den Zeichenstil Tocchinis surrealistisch erscheinen. Das ganze Szenario ergibt in den ersten Heften der Serie noch keine überzeugend homogene Mischung.

Der Science Fiction Hintergrund ist dabei am Klarsten. Die Sonne hat schon lange mit ihrer Kraft die Menschen von der Oberfläche der Erde vertrieben. Sie haben in der Tiefsee Städte gebaut, von denen nur noch drei – eine davon eher als Legende – existieren. Viele Städte scheinen in der langen Zeit unter den Meeren durch Katastrophen, Unfälle oder Selbstzerstörung sich in Totenfelder verwandelt zu haben. Vor vielen Jahren haben die Menschen Sonden ausgeschickt, die nach erdähnlichen Planeten suchen sollen. Die Protagonistin Johl Caine will eine dieser Sonden zurückholen. Sie hat die Hoffnung, das sie Daten von einem bewohnbaren Planeten mitbringt. Diese Rückholaktion soll zehn Jahre dauern. Die Rohstoffe werden in den wenigen noch vorhandenen Städten knapp, auch wenn die Oberschicht dekadent und an das römische Reich erinnernd sich ihre eigenen kleinen Festungen aufgebaut haben. Auch das Sauerstoffrecycling wird nicht mehr lange funktionieren. Eine Rückkehr an die Oberfläche ist unmöglich, da die Sonne in naher Zukunft zu explodieren droht. Alleine eine Auswanderung zu der hoffentlich neu entdeckten Welt bürgt eine kleine Überlebenschance. Hier gehen die Probleme aber los. Aufgrund der in den ersten Banden präsentierten Fakten sollten die Menschen nicht in der Lage sein, Raumschiffe geschweige denn Archen zu bauen. Der Hinflug der Sonde dauerte tausende von Jahren, der Rückflug nur zehn. Wie lange sollen diese Schiffe unterwegs sein? Wo sollen sie gebaut werden, da anscheinend die Sauerstoffanlagen nicht einmal mehr die Städte versorgen können? Wo sollen die starten und wie sollen die Menschen zu den Raumschiffen gebracht werden? Viele Fragen, die Remender mit dem teilweise erdrückenden Optimismus der Protagonisten erdrückt. Auch scheint sich die Technik nicht homogen weiter entwickelt zu haben. Da gibt es eine Art Superanzug, der in der Familie Caine weitergereicht wird und nur dank genetischer Muster  funktioniert. Die Piraten haben eine Art Super U- Boot (oder ist es die ganze Stadt), das anscheinend sich noch eine Probleme bewegen kann. Die dritte Stadt aus den Legenden wird relativ schnell gefunden, ist aber technologisch am weitesten zurück. Es gibt dort genetische Züchtungen und anscheinend auch Gladiatoren, die mittels Medikamenten zu Überkämpfern werden. Die einzelnen Auseinandersetzungen erinnern eher an die Kämpfe aus den Superheldencomics. Ihnen fehlt die realistische Grundlage. Ignoriert der  Leser diese logischen und bislang nicht erklärten Brüche, dann präsentiert sich „Low“ als eine geschickt zusammengestellte Mischung aus Science Fiction Hintergrund und den Antiheldencomics mit einem paranoiden Superschurken, der seit vielen Generationen eine Hass auf die Caines hat und zumindest eine der Töchter entführt und anscheinend auch in mehrfacher Hinsicht als Sklavin hält. Die vorläufig finale Konfrontation mit dem Sturz des einen Diktators und der Inthronisierung des Nächsten wirkt in dieser Hinsicht konsequent wie zynisch. Ein einheitliches Bild zeichnet sich noch nicht ab, da Johl Caine von ihren optimistischen Ideen lebt, aber auf ihre Umwelt reagieren muss. Sie kann noch nicht frei agieren. Viele Ansätze sind ohne Frage im Verlaufe der folgenden Bände extrapolierbar.   

 Viel interessanter ist die Familiengeschichte. Die Caine sind lange in wichtigen Positionen die Hüter der einen Stadt gewesen, wobei die politische Balance dem Leser verschlossen bleibt. Als sie auf einem Familienausflug, der die Kinder an den magischen Anzug heranführen soll, von ihrem Antagonisten gefangen genommen werden, bricht diese Idylle auseinander. Joel Caine verliert nicht nur ihren Mann, der sich opfert. Auch die eine Tochter wird ihr genommen. Zehn Jahre später leidet ihr Sohn immer noch unter der Trauma. Er ist Polizist geworden und erschießt bei einem Einsatz eine Prostituierte. Vorher hat er bewiesen, dass Frauen für ihn nur noch Frischfleisch sind. Johl Caine selbst glaubt immer noch an ihre Theorie, das die zurückkehrende Sonde Informationen über einen bewohnbaren Planeten beinhaltet. Sie schlägt quasi eine Art Kompromiss vor, in dem sie ihren Sohn vor der Hinrichtung rettet und gleichzeitig einen Weg sucht, die Informationen der Sonde zu bergen. Johl Caine ist dabei eine ausgesprochen attraktive, aber nicht mehr ganz junge Frau, die nicht nur über eine ausgesprochene Willenskraft, sondern den schon angesprochenen Optimismus verfügt. Vielleicht ein wenig am Rande des Klischees gezeichnet unterscheidet sie sich dadurch von ihren zahlreichen „Mitheldinnen“ aus verschiedenen Superheldencomics. Es ist erstaunlich, zu welchen Opfern sie für das große Ziele bereit ist, das die dekadenten Anführer einer sich selbst zerfressenden isolierten Stadtgemeine nicht mehr teilen, weil es neben Arbeit auch einen Machtverlust bedeutet. Alleine ihr Gegenspieler beginnend mit dem Tod ihres Mannes über die Nutzung des Anzuges durch eine ferngesteuerte und Gehirngewaschene Tochter bis zur vorläufig finalen Konfrontation bleibt ein eindimensionaler, ohne Frage charismatischer, aber ausbaufähiger Schatten. Vieles erinnert in dieser Hinsicht an die „Superhelden“ Comics, deren inhaltliche Versatzstücke angesichts der ökologischen Grundausrichtung die wichtigen und interessanten Science Fiction Handlungsaspekte  überdeckt.

Remender steckt sehr viele Ideen in die ersten Hefte, die alle wahrscheinlich noch Früchte tragen werden. Tocchini ist dagegen ein Zeichner, der vor allem die technischen Hintergründe absichtlich verzerrt und fast surrealistisch mit teilweise sehr grellen, intensiven Farben darstellt. Diese Verzerrung der Wirklichkeit setzt sich in den außerhalb der Caine Familie eher als Chiffre dargestellten Nebenfiguren fort. „Low“ ist zu Beginn eine auf jeden Fall ausgesprochen ambitionierte Science Fiction Serie, die sich nach den ersten Seiten beginnend aus dem engen Science Fiction Korsett zu befreien sucht, um die Leidensgeschichte einer intelligenten wie entschlossenen Frau zu beschreiben, deren Vision von einem Neustart der Menschheit sie alle persönlichen – und davon hat sie in den ersten sechs Heften eine ganze Reihe zu erleiden – Schicksalsschläge fast stoisch ertragen lässt. Der Titel der Sammlung „Stadt ohne Hoffnung“ ist nicht ganz richtig gewählt, da Johl Caines Optimismus um so heller brennt, je hoffnungsloser ihre auch persönliche Lage erscheint. 

AutorRick Remender
ZeichnerGreg Tocchini
ÜbersetzerBernd Kronsbein
EinbandHardcover - Bookformat
Seiten176
Band1
VerlagSplitter
ISBN978-3-95839-098-0
erscheint am:01.10.2015
Kategorie: