The Magazine of Fantasy & Science Fiction March/April 2013

Gordon van Gelder

Zum beginnenden Frühjahr präsentiert “The Magazine of Fantasy & Science Fiction” einen thematisch ausgesprochen breiten Geschichtenstrauß, von denen allerdings nicht alle Texte wirklich nachhaltig überzeugen können.

Mit politischen Untertönen präsentiert sich die Steampunk Geschichte „Among Friends“ aus der Feder Deborah J. Ross. Thomas Covington und seine Frau Hannah sind Mitglieder der „Society of Friends“, einer Mormonenabsplitterung. Sie leben Mitte des 19. Jahrhunderts in Delaware und lehnen die die Unterdrückung von Menschen im Allgemeinen und dadurch die  Sklaverei im Besonderen ab. Sie nehmen einen entflohenen Sklaven namens Nat auf und bringen ihn in Sicherheit. Kurze Zeit später taucht bei ihnen ein Automatenmann – das einzige Science Fiction Element der ganzen Geschichte – auf, den Thomas Adam nennt. Als er die Scheune durchsucht, tritt ihn Thomas Pferd und verletzt ihn schwer. Mit Hilfe eines Uhrmachers gelingt es Thomas, Adam zu reparieren. Mit unerklärlichen und erklärten Folgen für seine sich plötzlich herausbildende Persönlichkeit. Wie es sich für derartige Geschichten gehört, wird Gerechtigkeit vor Gericht ausgefochten. Im Gegensatz zu Frank Capras nachdenklich stimmenden Komödien verzichtet die Autorin auf die Urteilsverkündung, auch wenn der Tenor klar ist. Nur kommt Thomas in einem Punkt zu spät. Eine überzeugend geschriebene Geschichte, die davon profitiert, dass Deborah Ross und ihr Mann Anhänger der „Society of Friends“ sind und unauffällig versuchen, dem Leser ihre Glaubensrichtung ohne ins Bekehrende zu verfallen nahe zu bringen. Hinzu kommt die zeitlose Thematik der Menschenrechte. 

Reinrassige Science Fiction ist die dritte Geschichte um Beck Garrison und ihre auf See befindliche Heimat „Solidarity“. Auch wenn die Erzählerin Back Garrison neue Leser auf Fakten aus den letzten Geschichten hinweist, deuten sowohl der Auftakt als auch das sehr offene Ende eher auf einen Teil eines Episodenromans hin, den die Autorin Naomi Kritzer irgendwann als gesammelte Ausgabe veröffentlichen wird. Beck ist von ihrem im Hintergrund operierenden allgegenwärtigen Vater aus der gemeinsamen Wohnung geworfen worden und muss sich jetzt auf dem Habitat ohne die notwendigen Mittel eine neue Heimstatt suchen. Aus der letzten Story sind das Begräbnis des Gewerkschaftsvertreters Miguel sowie die Reality Show „High Stakes“ übernommen worden. „Solidarity“ wirkt nicht mehr so originell, so kompakt wie die ersten beiden ebenfalls im „The Magazine of Fantasy & Science Fiction“ veröffentlichten Texte. Dabei liegt der Fokus auf zahlreichen Hintergrundbeschreibungen des Schattendaseins auf dem Habitat denn einer stringenten Handlung. Gut geschrieben, aber wahrscheinlich ist es empfehlenswerter, Beck Garrisons „Coming of Age“ Geschichte in einem Rutsch zu goutieren als die Abschnitte teilweise über jetzt ein Dreiviertel Jahr verteilt serviert zu bekommen.     

Van Aaron Hughes feiert mit „The long View“ sein Debüt im Magazin. Hughes gelingt es in einer ausgesprochen komprimierten Form, die persönlichen Konflikte an Bord eines in die Tiefen des Alls vorstoßenden Siedlerschiffes zu beschreiben. Dabei reicht der Bogen von einer frühzeitigen genetischen Manipulation bis zur Aufgabe des Schiffes. Durch die Verlangsamung des Lebens wird die Reise zwar kürzer, aber in dieser emotional gegen Ende ansprechenden Geschichte werden die drastischen Folgen sehr intensiv gezeigt. Viele wichtige Themen hat der Autor allerdings zu sehr komprimiert und dabei zu Gunsten der Effektivität den Spannungsaufbau vernachlässigt.  

Albert E. Cowdrey paranoide – in sozialer und politischer Hinsicht – Texte werden um „The Assassin“ ergänzt. Nach einem verheerenden Krieg hat eine Art Weltregierung die Herrschaft unter der Führung eines Diktators Andrew Walden Emerson III übernommen, der allerdings Zielscheibe eines politischen Attentats ist oder auch nicht. Die beiden die Geschichte einleitenden und abschließenden Taten sind erstaunlicherweise irrelevant. Cowdrey setzt sich mit der Manipulation der Menschen auseinander und zeigt auf eine fast bizarre Art und Weise, dass Mann auch Zufriedenheit und persönliches Glück im Chaos finden kann. In dieser Hinsicht eine wenig subversive Geschichte, welche die politisch interessanten Themen mehrfach nur frustrierend anschneidet und zu viele Flanken offen lässt.  Ohne Frage ist die Geschichte solide und teilweise spannend erzählt, aber bis auf die ansprechenden persönlichen Passagen – Überleben im Zuchthaus; die Erkenntnis, benutzt worden zu sein und schließlich die Erfüllung in einem kleinen Dorf – bleiben zu viele Fragen offen.

Chet Arthurs „The Trouble with Heaven“ ist eine selbstironische Geschichte voller Anspielungen und Doppeldeutigkeiten mit interessanten, sehr unterschiedlichen Charakteren. Ambrosia ist das Paradies der Reichen. Ein künstlicher Satellit im Orbit um die Erde. Charles Adams- Morgan soll dort eine letzte diplomatische Mission ausführen, während Mike Segretti die rechte Hand eines Gangsterbosses auf dem Satelliten ist. Nicht jede Wendung der Geschichte ist wirklich originell, aber die pointierten Dialoge und vor allem die Idee, das beide ihre Missionen auf ungewöhnliche, aber in sich logische Weise beenden, reizt, „The Trouble with Heaven“ ein zweites Mal zu lesen.  

Auch wenn der Schwerpunkt dieser Ausgabe die Science Fiction ist, kommen die anderen Themen zu ihrem Recht: „Code 666“ aus der Feder Michael Reeves ist eine klassische Horrorgeschichte, deren realistisches Hintergrund – die Protagonisten sind eine Notärztin und ihrer Fahrer, wobei die Beschreibungen der verstümmelten durch Leichtsinn gestorbenen Unfallopfer eher unter die Haut gehen als der eigentliche Plot – lange im Gedächtnis bleibt. Die „Krankengeister“ verschrecken zwar, aber das Ende der Story, das einzige mögliche Ende wird zu weit im voraus angezeigt. In erster Linie wegen der mit wenigen Strichen sehr überzeugend gezeichneten Protagonisten ein interessanter und lesenswerter Text.  

 Keinem Genre zuzuordnen ist “The Cave” aus der Feder Sean F. Lynchs. Aaron und sein Kaleb untersuchen ein Höhlenlabyrinth, das in einem zweifelhaften Ruf steht. Anscheinend verläuft die Zeit in den Höhlen deutlich schneller. Lynch nimmt sich sehr viel Zeit, die eigentliche Höhlenexpedition zu beschreiben- klaustrophobische Gefühle kommen im Leser auf. Leider sind die einzelnen Charaktere nicht sonderlich überzeugend herausgearbeitet und die Möglichkeit, einer nicht näher erklärten Zeitschleife deutet sich zu früh an, ohne das Sean F. Lynch Erklärungen hinter her schiebt. Genauso zwischen allen Stühlen liegt „What the Red Oaks knew“ aus der Feder Elizabeth und Mark Bournes. Der Plot ist eine seltsame Reise mit einem Babydrachen im Kofferraum. Anfänglich denken die Protagonisten, der Drache ist tot, dann beginnt er zu wachsen. Vom Albinomädchen namens Pink oder dem Mann mit dem seltsamen Namen Midas Welbe ganz zu schweigen. Obwohl stilistisch ohne Frage anspruchsvoll geschrieben verzetteln sich die Autoren in phantasievollen Bildern mit einem nur vordergründig surrealistisch angelegten Plot.

 “The Boy who drank from Lovely Women” ist eine der letzten Geschichten Steven Utleys. Der Erzähler mit Decknamen “Monsieur” ist relativ unsterblich. Im 18. Jahrhundert hat ihn eine schöne Frau auf der heutigen Insel Haiti verflucht, nachdem er sie während eines Sklavenaufstands schlecht behandelt ist. Wie der fliegende Holländer ist er verflucht, durch die Zeiten zu wandern. Er kann nicht altern und wir niemals richtig zufrieden sein. Seine Liebe zu schönen Frauen wird immer mehr zu einem Damoklesschwert, bis er schließlich an einem ungewöhnlichen Platz Menschen helfen. Eine intensiv geschriebene Geschichte, die bekannten Versatzstücken neue Ideen hinzufügt und von einem inzwischen Altersweisen, ruhigeren Protagonisten „angetrieben“ wird. Es ist eine seltsame Ironie, dass der Frauenheld ausgerechnet einem alten Menschen mit Spitznamen „Casanova“ seine Lebensgeschichte stellvertretend für den Leser erzählt.  Steven Utleys Text gehört nicht nur zu den Höhepunkten dieser Ausgabe, sondern ist die einzige genreunabhängige, aber phantastische Geschichte dieser Ausgabe.   

Bemüht man die Klischees des Genres, dann schließt die einzige historisch angelehnte Fantasy- Geschichte die Ausgabe thematisch auch sehr gut ab. Nach „Among friends“ der zweite Text, der sich mit Sklaverei auseinandersetzt. Sean McMullen lässt „The Lost Faces“ in einem fiktiven Rom unter der frühen Herrschaft Gaius Julius Caesars spielen. Marcus Fulder muss einen besonderen Sklaven finden, da Fulder sich jedes Gesicht merken kann. Der Kaufmann Gaius Maximus möchte gerne eine Sklavin aus Indien – Vishesti- zurückhaben, die einen Navitar gezüchtet hat. Eine gigantische Wasserkreatur – hier bleibt der Autor erstaunlich vage -, welche in der Lage ist, Schiffe zu ziehen. Vishestis Kinder scheinen über ähnliche Fähigkeiten zu verfügen, haben sich allerdings in das Banner Roms gestellt. Mit ausgezeichneten Figuren und einer Handlung, die insbesondere im letzten Drittel sehr viele überraschende Wendungen aufweist und trotzdem hinsichtlich des pointierten Plots überzeugt, hat Sean McMullen ohne Frage den Höhepunkt dieser Sammlung verfasst. Stilistisch sehr ansprechend erzeugt er eine überzeugende historische Atmosphäre, in die er die wenigen, aber wichtigen phantastischen Elemente so natürlich platziert als hätten sie längst einen Platz in den Geschichtsbüchern.     

 

„The Magazine of Fantasy & Science Fiction“ verfügt über die üblichen Kolumnen. Als Filme werden „The bay“ und „life of Pi“ besprochen. Auf den ersten Blick ein seltsamer Kontrast, aus dem die Autorin allerdings eine nicht selten selbstironische Reflektion über die Vernichtung der Umwelt macht. Dagegen wirken die beiden Buchrezensionsblöcke seltsam blass. Insbesondere Charles de Lint scheint immer wieder den roten Faden verloren zu haben. Ähnlich geht es Richard Lupoff mit seiner Vorstellung eines verlorenen Klassikers. Am Ende finden sich weniger Worte über das Buch denn verwandte Werke. Di Fillipo plant in seinen „Pegasus“ Notizen großes. Seine Arbeit ist neben den Filmbesprechungen der beste sekundärliterarische Beitrag dieser Ausgabe. Zusammengefasst präsentiert sich die „March/ April“ Ausgabe mit soliden, thematisch wie schon angesprochen sehr breit aufgestellten Geschichten, aus denen nur Sean McMullens „The Lost Faces“ und mit Abstrichen Steven Utleys Lebensbeichte herausragen.

 

  • Format: Kindle Edition

  • Dateigröße: 764 KB

  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 281 Seiten

  • Verlag: Spilogale, Inc. (1. Juli 2013)

  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.

  • Sprache: Englisch

  • ASIN: B00F6UKLDK