
Daniel F. Galouye gehört ohne Frage zu den auch heute noch interessantesten Autoren vor allem der fünfziger Jahre. Mit dem mehrfach verfilmten Roman „Simulacron 3“ („Welt am Draht“) sowie dem neu aufgelegten Buch „Dunkles Universum“ hat er zwei sehr unterschiedliche Themenwelten - virtuelle Welten und das Überleben nach einem verheerenden Weltkrieg – expressiv zusammengefasst.
Die in Deutschland in einem Heftroman veröffentlichte Novelle „The Fist of Shiva“ erschien in den USA im Mai 1953 im eher zweitklassigen Magazin Imagination. Von David F. Galouye sind eine Reihe von Novellen als einzelne Bände im Rahmen der „Terra“ Utopische Romane innerhalb kürzerer Zeit veröffentlicht worden. Es lohnt sich bei einigen dieser Veröffentlichungen, einmal die Antiquariate oder das Internet zu durchstöbern.
Der deutsche Titel fasst den Inhalt gut zusammen. Durch einen vorbeifliegenden Kometen erhalten zwei Jungen Superkräfte. Der Autor geht aber nicht auf die Details ein. Auf der ersten Seiten der gleich in die laufende Handlung springenden Novelle probieren sie mit unterschiedlichen Intentionen ihre Kräfte aus.
Natürlich entscheidet sich der eine Bruder, Herrscher und Gott zu spielen, während der andere Bruder seine Aufgabe darin sieht, ihn zu bekämpfen und zu besiegen. Die fortlaufende Handlung hat Daniel F. Galouye anschließend aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt.
Seine Vorgehensweise ist dabei ausgesprochen ambivalent. Während der Amerikaner in „Simulacron 3“ existentielle Gedanken verarbeitete und sich bemühte, eine Definition nicht nur eigenständiger Intelligenz zu entwickeln, sondern das Für und Wider unterschiedlicher Daseinsformen gegenüberstellte, wirkt „The Fist of Shiva“ eher wie eine Extrapolation Nietzsches mit seinem Recht des Stärkeren. In einem direkten Vergleich zu seinen vielen sehr guten Kurzgeschichten und der Handvoll Romane bemüht sich der Autor zu wenig, seine Figuren nachhaltig als eigenständige Charaktere zu definieren anstatt sie ausschließlich über ihre Handlungen bewertbar zu machen. Neben den größenwahnsinnigen Ansichten des dominanten Bruders von Beginn an fehlt dem Roman dadurch die Tiefe.
Viele der sich über Jahrhunderte bis in die Weite Zukunft aus der Gegenwart hinstreckenden Konfrontationen zwischen den beiden Überwesen werden zu wenig vorbereitet. Die Novelle erscheint dadurch unnötig hektisch, zumal aus der Idee der relativen Unsterblichkeit vor allem hinsichtlich der Interaktion mit dem Umfeld viel zu wenig gemacht wird. Der Leser kann nicht richtig empfinden, wie viel Zeit wirklich „vergangen“ ist und wie sich vor allem die Gesellschaft um diese beiden Überwesen verändert hat.
Das ist in mehrfacher Hinsicht unglücklich, weil Galouye allerdings basierend auf der aus den Comics stammenden Idee der Überhelden das Thema psychologisch differenzierter und nuancierter hätte angehen können. Er ist ein Autor, der aus dem Nichts heraus auch in extremen Situationen überzeugende Figuren erschaffen kann.
Aktion und Reaktion bestimmen die Handlung, wobei der Leser angesichts der kontinuierlichen Zuspitzung des Konfliktes ein anderes Ende erwartet hätte. Es geht weniger um die Frage, was handlungstechnisch noch passieren kann, sondern wie schließlich gut böse besiegen kann. In dieser Hinsicht bürgt die Geschichte nicht nur wenige Überraschungen, das Ende erscheint zu hektisch und zu abrupt.
Leider gehört „The Fist of Shiva“ nicht zu Galouyes besseren Arbeiten. Für einige der ansonsten im Rahmen der TERRA Reihe veröffentlichten Heftromane ist die Übersetzung von Nikolai Stockhammer erstaunlich fließend und das Titelbild von Karl Stephanimpliziert eher Olaf Stapledon als einen reißerischen Science Fiction Thriller. Etwas mehr Anlehnung an den klassischen Bruderkonflikt aus der griechischen Mythologie inklusiv eines besser herausgearbeiteten Hintergrunds hätte aber für die zu sanft, zu geradlinig verlaufende Handlung ein gutes Ausgleichsgewicht bilden können.
Es werden zu viele Chancen verspielt und wer sich David F. Galouye nähern möchte, sollte auf die angesprochenen Romane bzw. seine viele, ab und zu noch nachgedruckten Kurzgeschichten zurückgreifen.
Pabel Verlag, Heftroman
64 Seiten, 1966 erschienen